Auf den Spuren des großen Arztes

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Teil 6: Das Heim

Kapitel 28: Die Aufgabe der Familie

Die Verbesserung und charakterliche Wiederherstellung der Menschheit beginnt zu Hause. Das Werk der Eltern bildet die Grundlage aller anderen Bemühungen. Die Gesellschaft besteht aus Familien und ist somit das, wozu die Familienoberhäupter sie machen. Aus dem Herzen “quillt das Leben” (Sprüche 4,23), und das Herz des Gemeinwesens, der Gemeinde und der Nation ist der Familienhaushalt. Das Wohlergehen der Gesellschaft, der Erfolg der Gemeinde und der Wohlstand der Nation hängen von den Einflüssen des Heims ab. SGA 285.1

Das Leben Jesu veranschaulicht uns die Wichtigkeit und die Chancen des Familienlebens. Er, der vom Himmel kam, um unser Vorbild und Lehrer zu sein, verbrachte dreißig Jahre als Mitglied eines Haushalts in Nazareth. Der biblische Bericht über diese Jahre ist sehr knapp gehalten. Keine machtvollen Wunder zogen die Aufmerksamkeit der Menge auf sich. Keine begierigen Massen folgten seinen Schritten oder hörten seinen Worten zu. Dennoch erfüllte er all diese Jahre hindurch seinen göttlichen Auftrag. Er lebte als einer von uns und nahm ganz selbstverständlich am Familienleben teil. Er unterstellte sich der familiären Ordnung und übernahm die nötigen Pflichten und Aufgaben. In der schützenden Fürsorge eines einfachen Heims, wo er wie wir alle Erfahrungen des Erwachsenwerdens durchlebte, nahm er zu “an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen”. Lukas 2,52. SGA 285.2

Während all dieser Jahre, die er in Abgeschiedenheit verbrachte, ging von seinem Leben ein Strom des Mitgefühls und der Hilfsbereitschaft aus. Seine Selbstlosigkeit und geduldige Ausdauer, sein Mut und seine Gewissenhaftigkeit, sein Widerstand gegen Versuchungen, seine unerschütterliche Ruhe und stille Freudigkeit waren eine beständige Anregung. Er brachte eine reine, liebevolle Atmosphäre in das Heim, und sein Leben wirkte wie ein angenehmer Duft inmitten der Gesellschaft. Es gibt keine Hinweise darauf, daß er ein Wunder vollbracht hätte; aber Gutes — die heilende, lebenspendende Macht der Liebe — ging von ihm zu den Versuchten, Kranken und Entmutigten aus. In einer unaufdringlichen Weise diente er von seiner frühesten Kindheit an anderen, und deshalb hörten ihm viele gern zu, als er öffentlich zu wirken anfing. SGA 285.3

Die frühen Jahre des Heilands bedeuten mehr als nur ein Beispiel für die Jugend. Sie sind ein Lehrbeispiel und sollten jedem Elternteil zur Ermutigung dienen. Der Kreis der familiären und nachbarschaftlichen Pflichten ist das erste Tätigkeitsfeld für diejenigen, die an der Verbesserung des menschlichen Charakters arbeiten wollen. Es gibt kein wichtigeres Betätigungsfeld als das, welches den Gründern und Beschützern des Heims übertragen ist. Keine Aufgabe, die Menschen anvertraut ist, wird größere oder weiterreichende Ergebnisse bewirken, als die der Väter und Mütter. SGA 286.1

Es sind die Jugendlichen und Kinder von heute, von denen die Zukunft der Gesellschaft geprägt wird, und was diese Jugendlichen und Kinder leisten werden, hängt vom Heim ab. Der größere Teil der Krankheit, des Elends und des Verbrechens, mit denen die Menschheit gestraft ist, kann auf den Mangel an richtiger häuslicher Erziehung zurückgeführt werden. Wenn es in den Familien immer ehrlich und aufrichtig zuginge, wenn die Kinder, die aus dem behüteten Heim in die Welt entlassen werden, darauf vorbereitet wären, die Verantwortlichkeiten und Gefahren des Lebens zu meistern — was für eine Veränderung würde das für die Welt bedeuten! SGA 286.2

Große Anstrengungen werden unternommen, Zeit, Geld und Mühen ohne Zahl werden von verschiedenen Gruppierungen und Institutionen aufgewendet, um Menschen von den übelsten Gewohnheiten zu befreien. Und all diese reichen nicht aus. Wie gering ist ihr Erfolg, und wie wenige bleiben dauerhaft auf dem richtigen Weg! Wie wenige werden auf Dauer zurückgewonnen! SGA 286.3

Viele sehnen sich nach einem besseren Leben, aber es fehlen ihnen der Mut und die Entschlossenheit, mit der Macht der Gewohnheit zu brechen. Sie schrecken vor Anstrengung, Kampf und Verzicht zurück, die hierzu notwendig sind, und ihr Leben bleibt elend und ruiniert. So verlieren selbst Menschen mit hellstem Verstand, besten Aussichten und herausragenden Begabungen, die ansonsten, von ihrer Natur und Ausbildung her, zur Bekleidung von vertrauens- und verantwortungsvollen Positionen geeignet wären, ihre Würde und sind für dieses und das künftige Leben verloren. SGA 286.4

Wie hart ist für diejenigen, die sich tatsächlich geändert haben, der Kampf um die Wiedererlangung ihrer Charakterfestigkeit! Viele leiden ihr ganzes Leben hindurch in Form einer zerrütteten körperlichen Konstitution, eines unsteten Willens, eines beeinträchtigten Verstandes und einer geschwächten seelischen Kraft an den Folgen ihrer üblen Saat. Wieviel mehr könnte erreicht werden, wenn man das Übel von vornherein bekämpfen würde! SGA 287.1

Diese Aufgabe müssen zu einem großen Teil die Eltern übernehmen. Bei dem Bemühen, Unmäßigkeit und andere Übel einzudämmen, die sich wie ein Krebsgeschwür in die Gesellschaft fressen, könnte man gewaltigen Erfolg verbuchen, wenn man der Unterweisung der Eltern mehr Aufmerksamkeit widmen würde. Sie sind es nämlich, die weitestgehend die Gewohnheiten und den Charakter ihrer Kinder formen. Es unterliegt ihrem Einfluß, die Gewohnheit, die eine so schreckliche Macht zum Bösen sein kann, zu einer Kraft für das Gute zu formen. Sie können den Strom an seiner Quelle beeinflussen, und es ist ihre Aufgabe, ihn richtig zu lenken. SGA 287.2

Eltern können für ihre Kinder die Grundlage zu einem gesunden, glücklichen Leben legen. Sie können sie aus ihren Heimen entlassen mit dem nötigen sittlichen Stehvermögen gegenüber Versuchungen sowie dem Mut und der Kraft, sich erfolgreich mit den Problemen des Lebens auseinanderzusetzen. Sie können in ihnen den Wunsch wecken und die Kraft entwickeln, ihr Leben zur Ehre Gottes zu führen und der Welt zum Segen zu werden. Sie können ihren Füßen geradlinige Wege ebnen, um durch Licht und Schatten zu den herrlichsten Höhen zu gelangen. SGA 287.3

Die Aufgabe des Heims geht über den Kreis der eigenen Familienangehörigen hinaus. Das christliche Heim sollte ein Vorbild sein, das die herausragende Bedeutung der wahren Lebensgrundsätze veranschaulicht. Eine solche Veranschaulichung wird eine Kraft zum Guten in der Welt sein. Viel wirkungsvoller als jede Predigt, die gehalten werden kann, ist der Einfluß eines richtigen Heims auf Menschenherzen und Menschenleben. Jugendliche aus einem solchen Elternhaus geben die Grundsätze, die sie gelernt haben, gern an andere weiter. Ein verantwortungsbewußter Lebensstil wird so auch in andere Haushalte eingeführt, und ein Einfluß zum Guten wird im Volk spürbar. SGA 287.4

Es gibt viele andere, denen unsere Heime zum Segen werden könnten. Unsere geselligen Vergnügungen sollten wir nicht so gestalten, wie es allgemein üblich ist, sondern im Geist Christi und gemäß der Lehre seines Wortes. SGA 288.1

Die Israeliten bezogen in all ihre Festlichkeiten die Armen, die Fremden sowie die Leviten mit ein, die sowohl Diener der Priester am Heiligtum als auch religiöse Lehrer und Missionare waren. Man betrachtete sie als Gäste des Volkes, gewährte ihnen bei allen geselligen und religiösen Feiern Gastfreundschaft und sorgte liebevoll für sie in Krankheit oder Not. Solche Menschen wollen wir in unseren Heimen willkommen heißen. Ein solches Willkommen könnte viel dazu beitragen, die Missionskrankenschwester oder den Lehrer, die sorgenbeladene, hart arbeitende Mutter oder die Schwachen und Bejahrten, die oft kein gemütliches Zuhause haben und mit Armut und großen Schwierigkeiten kämpfen müssen, zu ermuntern und zu ermutigen. SGA 288.2

Christus sagte: “Wenn du ein Mittags- oder Abendmahl machst, so lade weder deine Freunde noch deine Brüder noch deine Verwandten noch reiche Nachbarn ein, damit sie dich nicht etwa wieder einladen und dir vergolten wird. Sondern wenn du ein Mahl machst, so lade Arme, Verkrüppelte, Lahme und Blinde ein, dann wirst du selig sein, denn sie haben nichts, um es dir zu vergelten; es wird dir aber vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten.” Lukas 14,12-14. SGA 288.3

Dies sind Gäste, die keine großen Umstände machen. Für sie wirst du keine extravaganten oder kostspieligen Vergnügungen vorbereiten müssen. Du mußt nicht mit deinem Wohlstand angeben. Die Wärme einer freundlichen Begrüßung, ein Platz an eurem Familientisch, das Vorrecht, den Segen der Gebetszeit mitzuerleben, all das wäre für viele von ihnen wie ein Lichtstrahl vom Himmel. SGA 288.4

Unser Mitgefühl darf nicht nur auf Familienangehörige begrenzt bleiben. Für diejenigen, die ihre Heime zu einem Segen für andere machen wollen, gibt es diesbezüglich wertvolle Gelegenheiten. Gesellschaftliche Kontakte bieten wunderbare Möglichkeiten. SGA 289.1

Unser Heim sollte auch ein Zufluchtsort für Jugendliche sein, die gegen Versuchungen kämpfen. Es gibt viele, die am Scheideweg stehen. Schon kleinste Zeichen des Verständnisses und der Hilfe werden ihr Schicksal jetzt und später beeinflussen. Das Böse lockt in freundlicher und attraktiver Form. Jeder Ankömmling ist willkommen. Überall um uns her gibt es Jugendliche, die kein Zuhause mehr haben, und viele, deren Zuhause ihnen keine Hilfe bieten kann. Diese Jugendlichen kommen schnell vom richtigen Weg ab. Unsere verschlossenen Haustüren beschleunigen ihren Weg ins Unglück. SGA 289.2

Diese Jugendlichen brauchen eine Hand, die sich ihnen teilnahmsvoll entgegenstreckt. Freundliche Worte und kleine Aufmerksamkeiten werden die Wolken der Versuchung vertreiben, die sich über der Seele zusammenziehen. Der wahre Ausdruck des vom Himmel stammenden Mitgefühls hat die Kraft, die Tür zu den Herzen zu öffnen, die den Wohlgeruch christusähnlicher Worte und die einfache, sensible Berührung durch den Geist der Liebe Christi brauchen. SGA 289.3

Wenn wir Interesse an der Jugend zeigen, sie in unsere Heime einladen und mit fröhlich stimmenden, hilfreichen Einflüssen umgeben würden, würden viele von ihnen ihre Schritte gern auf den Weg nach oben richten. SGA 289.4