Das Wirken der Apostel

7/59

Kapitel 6: An der Pforte des Tempels

Auf der Grundlage von Apostelgeschichte 3; Apostelgeschichte 4,1-31.

Die Jünger Christi waren sich ihrer Untüchtigkeit wohl bewußt, und in Demut und im Gebet verband sich ihre Schwachheit mit seiner Stärke, ihre Unwissenheit mit seiner Weisheit, ihre Unwürdigkeit mit seiner Gerechtigkeit, ihre Armut mit seinem unerschöpflichen Reichtum. So gestärkt und ausgerüstet, zögerten sie nicht, im Dienst des Meisters voranzugehen. WA 59.1

Nicht lange nach der Ausgießung des Heiligen Geistes und unmittelbar nach einer Zeit ernsten Gebetes gingen Petrus und Johannes zum Gottesdienst hinauf in den Tempel. Da sahen sie an der Schönen Pforte einen Gelähmten sitzen. Er war vierzig Jahre alt, und von Geburt an war sein Leben qualvoll und von körperlicher Gebrechlichkeit. Dieser unglückliche Mann hatte schon lange gewünscht, Jesus zu sehen und von ihm geheilt zu werden. Aber er war nahezu hilflos und von dem Tätigkeitsbereich des Großen Arztes weit entfernt. Schließlich hatten ihn einige Freunde auf sein Bitten hin an die Pforte des Tempels getragen. Dort mußte er erfahren, daß der, auf den er seine Hoffnungen gesetzt hatte, auf grausame Weise getötet worden war. WA 59.2

Seine Enttäuschung erweckte das Mitgefühl derer, die wußten, wie sehnlich er gehofft hatte, von Jesus geheilt zu werden. Täglich brachten sie ihn deshalb zum Tempel, damit er von den Vorübergehenden ein Almosen zur Linderung seiner Not erhielte. Als Petrus und Johannes vorbeikamen, bat er auch sie um ein Almosen. Die Jünger sahen ihn mitleidig an, und Petrus sagte: “Sieh uns an! Und er sah sie an und wartete, daß er etwas von ihnen empfinge. Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht.” Apostelgeschichte 3,4-6. WA 59.3

Als Petrus seine Armut eingestand, senkte der Krüppel enttäuscht den Blick. Aber über sein Gesicht glitt ein Hoffnungsschimmer, als der Apostel fortfuhr: “Was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth stehe auf und wandle! Und griff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Alsbald standen seine Füße und Knöchel fest, und er sprang auf, konnte gehen und stehen und ging mit ihnen in den Tempel, wandelte und sprang und lobte Gott. Und es sah ihn alles Volk wandeln und Gott loben. Sie kannten ihn auch, daß er’s war, der um Almosen gesessen hatte vor der schönen Tür des Tempels; und sie wurden voll Wunderns und Entsetzens über das, was ihm widerfahren war. Als er aber sich zu Petrus und Johannes hielt, lief alles Volk zu ihnen in die Halle, die da heißt Salomos, und wunderten sich sehr.” Apostelgeschichte 3,6-11. Die Leute waren erstaunt, daß die Jünger ähnliche Wunder vollbringen konnten wie Jesus. Doch hier stand dieser Mann: vierzig Jahre lang ein hilfloser Krüppel, nun aber in der Lage, seine Glieder zu bewegen, frei von Schmerzen und glücklich im Glauben an Jesus. WA 60.1

Als die Jünger sahen, wie erstaunt die Leute waren, fragte Petrus: “Ihr Männer von Israel, was wundert ihr euch darüber oder was sehet ihr auf uns, als hätten wir diesen wandeln gemacht durch unsre eigene Kraft oder Frömmigkeit?” Apostelgeschichte 3,12. Er versicherte ihnen, daß die Heilung im Namen und durch die Verdienste Jesu von Nazareth gewirkt worden sei, den Gott von den Toten auferweckt hatte. Die Apostel erklärten: “Das Vertrauen auf den Namen Jesus hat den Mann, der hier steht und den ihr alle kennt, gesund gemacht. Der Name Jesus hat in ihm Glauben geweckt und ihm die volle Gesundheit geschenkt, die ihr an ihm seht.” Apostelgeschichte 3,16 (GN). WA 60.2

Ganz offen sprachen die Apostel von der schweren Sünde, die die Juden begangen hatten, indem sie den Fürsten des Lebens verworfen und getötet hatten. Aber sie waren darauf bedacht, ihre Zuhörer nicht zur Verzweiflung zu treiben. Petrus sagte deshalb: “Ihr aber verleugnetet den Heiligen und Gerechten und batet, daß man euch den Mörder schenkte; aber den Fürsten des Lebens habt ihr getötet. Den hat Gott auferweckt von den Toten; des sind wir Zeugen ... Nun, liebe Brüder, ich weiß, daß ir’s in Unwissenheit getan habt wie auch eure Obersten. Gott aber hat so erfüllt, was er durch den Mund aller seiner Propheten zuvor verkündigt hat, daß sein Christus leiden sollte.” Apostelgeschichte 3,14.15.17.18. Er machte ihnen klar, daß der Heilige Geist sie auffordere zu bereuen und umzukehren, und er versicherte ihnen, daß es für sie keine Hoffnung auf Erlösung gäbe, wenn nicht durch die Gnade dessen, den sie gekreuzigt hatten. Nur durch den Glauben an ihn könnten ihre Sünden vergeben werden. WA 61.1

Er rief: “So tut nun Buße und bekehret euch, daß eure Sünden getilgt werden, auf daß da komme die Zeit der Erquickung von dem Angesicht des Herrn ... Ihr seid der Propheten und des Bundes Kinder, welchen Gott gemacht hat mit euren Vätern, da er sprach zu Abraham: ‘Durch dein Geschlecht sollen gesegnet werden alle Völker auf Erden.’ Für euch zuvörderst hat Gott erweckt seinen Knecht Jesus und hat ihn zu euch gesandt, euch zu segnen, daß ein jeglicher sich bekehre von seiner Bosheit.” Apostelgeschichte 3,19.25.26. WA 61.2

So predigten die Jünger die Auferstehung Christi. Viele Zuhörer hatten auf dieses Zeugnis gewartet, und als sie es nun hörten, glaubten sie. Christi Worte kamen ihnen wieder ins Gedächtnis, und sie stellten sich auf die Seite derer, die das Evangelium annahmen. Der vom Heiland gesäte Same ging auf und brachte Frucht. WA 61.3

Als die Jünger “zum Volk redeten, traten zu ihnen die Priester und der Hauptmann des Tempels und die Sadduzäer, die verdroß, daß sie das Volk lehrten und verkündigten an Jesus die Auferstehung von den Toten”. Apostelgeschichte 4,1. WA 61.4

Nach Christi Auferstehung hatten die Priester überall die Lüge verbreitet, Jesu Leichnam sei von den Jüngern gestohlen worden, während die römischen Wachsoldaten schliefen. Es überrascht daher nicht, daß sie ungehalten waren, als Petrus und Johannes die Auferstehung dessen predigten, den sie umgebracht hatten. Besonders erregt darüber waren die Sadduzäer. Sie spürten, daß ihre Lieblingslehre in Gefahr geriet und ihr Ansehen auf dem Spiel stand. WA 62.1

Da die Zahl der zum neuen Glauben Bekehrten schnell zunahm, waren Pharisäer und Sadduzäer sich einig darin, daß ihr Einfluß noch stärker gefährdet würde als zu Jesu Lebzeiten auf Erden, wenn man diese neuen Lehrer ungehindert gewähren ließe. Mit Hilfe einiger Sadduzäer verhaftete deshalb der Tempelhauptmann Petrus und Johannes und nahm sie in Gewahrsam, weil es an diesem Tag für ein Verhör zu spät war. WA 62.2

Die Feinde der Jünger konnten sich nicht mehr der Tatsache verschließen, daß Christus von den Toten auferstanden war. Der Beweis war zu eindeutig, als daß man daran hätte zweifeln können. Dennoch verhärteten die Schriftgelehrten ihre Herzen und weigerten sich, die schreckliche Tat der Kreuzigung Jesu zu bereuen. WA 62.3

Den jüdischen Obersten waren genügend Beweise gegeben worden, daß die Apostel unter göttlicher Eingebung redeten und handelten, aber beharrlich widersetzten sie sich der Botschaft der Wahrheit. Christus war nicht so gekommen, wie sie es erwartet hatten. Zeitweise waren sie zwar davon überzeugt gewesen, daß er Gottes Sohn sei, doch sie hatten diese Überzeugung erstickt und ihn gekreuzigt. Gnädig gab Gott ihnen weitere Beweise und bot ihnen auch jetzt eine Gelegenheit, sich zu ihm zu wenden. Er ließ ihnen durch die Jünger sagen, daß sie den Lebensfürsten getötet hatten, gleichzeitig aber forderte er sie durch diese schreckliche Anklage zur Umkehr auf. Doch die jüdischen Lehrer fühlten sich in ihrer Selbstgerechtigkeit sehr sicher und weigerten sich zuzugeben, daß die Männer, von denen sie der Kreuzigung Christi beschuldigt wurden, unter der Leitung des Heiligen Geistes redeten. WA 62.4

Da sich die Priester zur Auflehnung gegen Christus entschieden hatten, trieb sie jeder Widerstand erneut an, die einmal gewählte Richtung weiter zu verfolgen. In ihrer Halsstarrigkeit wurden sie immer entschlossener. Nicht, daß sie sich nicht hätten unterwerfen können; sie konnten es, wollten es aber nicht. Sie waren schuldig und hatten den Tod verdient, hatten sie doch den Sohn Gottes getötet; aber nicht deshalb allein wurden sie vom Heil getrennt, sondern weil sie Gott widerstrebten. Beharrlich verwarfen sie das Licht und verschlossen sich den Schuldsprüchen des Geistes. Der Einfluß, der die Kinder des Ungehorsams beherrscht, wirkte in ihnen und veranlaßte sie, die Männer zu schmähen, durch die Gott wirkte. Die Boshaftigkeit ihrer Empörung steigerte sich mit jeder weiteren Tat des Widerstrebens gegen Gott und gegen die Botschaft, die er seinen Dienern zu verkündigen aufgetragen hatte. Unbußfertigkeit trieb die jüdischen Führer täglich tiefer in die Auflehnung und bereitete eine Ernte dessen vor, was sie gesät hatten. WA 63.1

Gott zürnt den Unbußfertigen nicht nur deshalb, weil sie gesündigt haben, sondern vor allem weil sie — obwohl zur Umkehr gerufen — in ihrem Widerstand beharren und trotz des ihnen verliehenen Lichtes die Sünden der Vergangenheit wiederholen. Hätten sich die jüdischen Obersten der überzeugenden Macht des Heiligen Geistes unterworfen, wäre ihnen vergeben worden; aber sie wollten nicht einlenken. Genauso kommt der Sünder durch fortwährendes Widerstreben schließlich dahin, daß der Heilige Geist ihn nicht mehr beeinflussen kann. WA 63.2

Am Tage nach der Heilung des Krüppels traten Hannas und Kaiphas mit den anderen Würdenträgern des Tempels zum Verhör zusammen. Die Gefangenen wurden ihnen vorgeführt. In demselben Raum und vor einigen dieser Männer hatte Petrus seinen Herrn schändlich verleugnet. Daran erinnerte er sich, als er zu seinem eigenen Verhör erschien. Ihm bot sich nun eine Gelegenheit, seine Feigheit wiedergutzumachen. WA 64.1

Die Anwesenden, die sich entsannen, welche Rolle Petrus bei dem Verhör seines Meisters gespielt hatte, bildeten sich ein, ihn durch Androhung von Gefangenschaft und Tod einschüchtern zu können. Aber der Petrus, der Christus in der Stunde größter Not verleugnet hatte, war leidenschaftlich und voller Selbstvertrauen gewesen und unterschied sich himmelweit von dem Petrus, der nun zur Vernehmung vor dem Hohen Rat stand. Nach seinem Fall hatte er sich bekehrt. Nun war er nicht mehr stolz und großsprecherisch, sondern bescheiden und selbstkritisch. Er war vom Heiligen Geist erfüllt und mit dessen Hilfe entschlossen, den Makel seiner Abtrünnigkeit zu beseitigen und den Namen zu ehren, den er vorher verleugnet hatte. WA 64.2

Bisher hatten es die Priester vermieden, die Kreuzigung oder die Auferstehung Jesu zu erwähnen, aber um ihr Ziel zu erreichen, mußten sie die Angeklagten fragen, wie die Heilung des Kranken vor sich gegangen war: “Aus welcher Kraft oder in welchem Namen habt ihr das getan?” Apostelgeschichte 4,7. WA 64.3

Mit heiliger Kühnheit und in der Kraft des Geistes erklärte Petrus furchtlos: “Ihr hier und alle Leute in Israel sollt wissen: Dieser Mann steht gesund vor euch, weil der Name Jesu Christi aus Nazareth eine Macht ist. Ihr habt Jesus gekreuzigt, aber Gott hat ihn vom Tod erweckt. Auf diesen Jesus bezieht sich das Wort in den heiligen Schriften: ‘Der Stein, den die Maurer — das seid ihr! — für unbrauchbar hielten, hat sich als der wichtigste erwiesen.’ Jesus Christus und sonst keiner kann die Rettung bringen. Nirgends auf der ganzen Welt hat Gott einen anderen Namen bekanntgemacht, durch den wir gerettet werden könnten.” Apostelgeschichte 4,10-12 (GN). WA 64.4

Diese mutige Verteidigungsrede erschreckte die jüdischen Führer. Sie hatten angenommen, daß die Jünger von Furcht und Verwirrung überwältigt würden, wenn man sie vor den Hohen Rat stellte. Statt dessen redeten diese Zeugen, wie Christus gesprochen hatte, mit einer Überzeugungskraft, die ihre Gegner zum Schweigen brachte. Des Petrus Stimme war frei von aller Furcht, als er von Christus sagte: “Der Stein, den die Maurer — das seid ihr! — für unbrauchbar hielten, hat sich als der wichtigste erwiesen”, als der Eckstein. WA 65.1

Petrus bediente sich einer den Priestern wohl vertrauten Redewendung. Schon die Propheten hatten von dem verworfenen Stein gesprochen, und Christus hatte einmal von sich selbst gesagt: “Habt ihr nie gelesen in der Schrift: ‘Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. Von dem Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsren Augen’? Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird von euch genommen und einem Volke gegeben werden, das seine Früchte bringt. Und wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschellen; auf wen aber er fällt, den wird er zermalmen.” Matthäus 21,42-44. WA 65.2

Als die Priester die furchtlosen Worte der Apostel hörten, erkannten sie, “daß sie mit Jesus gewesen waren.” Apostelgeschichte 4,13. WA 65.3

Von den Jüngern wird berichtet, daß sie am Schluß des wunderbaren Erlebens der Verklärung Christi “sahen ... niemand als Jesus allein”. Matthäus 17,8. “Jesus allein” — in diesen Worten liegt das Geheimnis des Lebens und der Kraft begründet, das die Geschichte der Urgemeinde kennzeichnet. Als die Jünger Christi Worte zum ersten Male hörten, spürten sie, daß sie ihn brauchten. Sie suchten ihn, fanden ihn und folgten ihm nach. Immer waren sie mit ihm: im Tempel, bei Tisch, am Bergeshang und auf dem Felde. Wie Schüler bei ihrem Lehrer waren sie bei ihm und empfingen täglich von ihm Lehren der ewigen Wahrheit. WA 65.4

Auch nach der Himmelfahrt des Heilandes waren sich die Apostel der göttlichen Gegenwart, voller Liebe und Licht, bewußt. Der Heiland, der mit ihnen gewandelt war, der mit ihnen geredet, gebetet und ihrem Herzen Hoffnung und Trost zugesprochen hatte, war mit der Botschaft des Friedens auf den Lippen von ihnen in den Himmel aufgenommen worden. Als der Triumphwagen der Engel ihn aufnahm, vernahmen sie seine Worte: “Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.” Matthäus 28,20. In menschlicher Gestalt war er zum Himmel aufgefahren. Sie wußten, daß er auch vor Gottes Thron ihr Freund und Heiland blieb, daß seine Zuneigung zu ihnen unveränderlich war und daß er immer mit der leidenden Menschheit verbunden sein würde. Sie wußten, er würde das Verdienst seines Blutes vor Gott geltend machen und mit seinen durchbohrten Händen und Füßen an den Preis erinnern, den er für seine Erlösten bezahlt hatte. Dieser Gedanke verlieh ihnen die Kraft, um seinetwillen Schmach zu erdulden. Ihre Verbindung zu ihm war jetzt inniger als zu der Zeit, da er persönlich bei ihnen gewesen war. Licht, Liebe und Kraft des innewohnenden Christus strahlten von ihnen aus, so daß sich die Menschen darüber wunderten. WA 66.1

Den Worten, die Petrus bei seiner Verteidigung sprach, drückte Christus sein Siegel auf. Neben dem Jünger stand als glaubwürdiger Zeuge der Mann, der auf so wunderbare Weise geheilt worden war. Der Anblick dieses Mannes, der wenige Stunden zuvor noch ein hilfloser Krüppel gewesen und dessen Gesundheit nun völlig wiederhergestellt war, verlieh den Worten des Petrus überzeugendes Gewicht. Priester und Oberste schwiegen. Sie konnten den Bericht des Petrus nicht widerlegen, waren aber dennoch fest entschlossen, der Verkündigung der Jünger Einhalt zu gebieten. WA 66.2

Das krönende Wunder Christi — die Auferweckung des Lazarus — hatte die Priester in dem Entschluß bekräftigt, Jesus und seine herrlichen Werke aus der Welt zu schaffen, die ihren Einfluß auf das Volk zerstörten. Zwar hatten sie ihn gekreuzigt, aber hier wurde ihnen nun bewiesen, daß sie weder das Wunderwirken in seinem Namen noch die Verkündigung der Wahrheit aufhalten konnten. Schon hatten die Heilung des Gelähmten und die Predigt der Apostel ganz Jerusalem in Aufregung versetzt. WA 67.1

Um ihre Verwirrung zu verbergen und sich untereinander beraten zu können, ließen die Priester und Obersten die Apostel wegführen. Sie waren sich darüber einig, daß es zwecklos wäre, die Heilung dieses Mannes abzustreiten. Gern hätten sie das Wunder als Betrug hingestellt, aber das war unmöglich, weil es am hellen Tage vor einer großen Menschenmenge geschehen und bereits Tausenden bekannt geworden war. Für um so notwendiger empfanden sie es daher, daß dem Wirken der Jünger ein Ende bereitet werden müsse, da dieser Jesus sonst viele Nachfolger gewinnen würde. Sie selbst würden die Gunst des Volkes verlieren, denn es würde sie für schuldig am Mord des Gottessohnes erklären. WA 67.2

Aber obwohl die Priester die Jünger zu vernichten wünschten, wagten sie lediglich, ihnen strengste Bestrafung anzudrohen, falls sie fortfuhren, im Namen Jesu zu reden oder zu wirken. Erneut vor den Hohen Rat gerufen, befahlen sie ihnen, weder zu reden noch zu lehren im Namen Jesu. Petrus und Johannes antworteten jedoch: “Richtet ihr selbst, ob es vor Gott recht sei, daß wir euch mehr gehorchen als Gott. Wir könn’s ja nicht lassen, daß wir nicht reden sollten von dem, was wir gesehen und gehört haben.” Apostelgeschichte 4,19.20. WA 67.3

Gern hätten die Priester diese Männer wegen ihrer unerschütterlichen Treue zu ihrer heiligen Berufung bestraft, aber sie fürchteten das Volk, “denn sie lobten alle Gott über das, was geschehen war.” Apostelgeschichte 4,21. Deshalb wurden die Apostel nach wiederholten Strafandrohungen und Einschüchterungsversuchen auf freien Fuß gesetzt. WA 67.4

Während Petrus und Johannes eingesperrt waren, hatten die anderen Jünger — in Kenntnis der Feindseligkeit der Juden — unaufhörlich für ihre Brüder gebetet, denn sie fürchteten, daß sich die Christus zugefügten Grausamkeiten wiederholen könnten. Kaum waren die Apostel wieder frei, suchten sie die andern Jünger auf, um ihnen vom Ausgang des Verhörs zu berichten. Die Freude der Gläubigen war groß. “Da sie das hörten, erhoben sie ihre Stimme einmütig zu Gott und sprachen: Herr, der du Himmel und Erde und das Meer und alles, was darinnen ist, gemacht hast; der du durch den heiligen Geist, durch den Mund unsres Vaters David, deines Knechtes, gesagt hast: ‘Warum toben die Heiden, und die Völker nehmen sich vor, was umsonst ist? Die Könige der Erde treten zusammen, und die Fürsten versammeln sich zuhauf wider den Herrn und wider seinen Christus’: wahrlich ja, sie haben sich versammelt in dieser Stadt wider deinen heiligen Knecht Jesus, welchen du gesalbt hast Herodes und Pontius Pilatus mit den Heiden und den Völkern von Israel, zu tun, was deine Hand und dein Rat zuvor bedacht hat, daß es geschehen sollte. Und nun, Herr, siehe an ihr Drohen und gib deinen Knechten, mit allem Freimut zu reden dein Wort, und strecke deine Hand aus, daß Heilungen und Zeichen und Wunder geschehen durch den Namen deines heiligen Knechtes Jesus.” Apostelgeschichte 4,24-30. WA 68.1

Die Jünger beteten um mehr Kraft für die Ausübung ihres Dienstes, denn sie erkannten, daß sie demselben entschlossenen Widerstand begegnen würden, dem Christus auf Erden hatte entgegentreten müssen. Noch während ihre einmütigen Gebete im Glauben himmelwärts stiegen, erfolgte die Antwort. Die Stätte, an der sie versammelt waren, erbebte, und sie wurden erneut mit dem Heiligen Geist ausgerüstet. Mutigen Herzens gingen sie wieder daran, das Wort Gottes in Jerusalem zu verkündigen. “Und mit großer Kraft gaben die Apostel Zeugnis von der Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.” Apostelgeschichte 4,33. Gott segnete ihre Bemühungen wunderbar. WA 68.2

Der Grundsatz, den die Jünger so furchtlos vertraten, als sie auf das Verbot, nicht mehr in Jesu Namen zu lehren, antworteten: “Richtet ihr selbst, ob es vor Gott recht sei, daß wir euch mehr gehorchen als Gott”, ist derselbe, den die Evangeliumsverkündiger in den Tagen der Reformation aufrecht zu erhalten suchten. Als die deutschen Fürsten im Jahre 1529 auf dem Reichstag zu Speyer zusammenkamen und ihnen des Kaisers Erlaß vorgelegt wurde, der die Religionsfreiheit einschränkte und jede weitere Verbreitung der reformatorischen Lehren verbot, schien es, daß die Hoffnung der Welt zunichte gemacht werden sollte. Würden die Fürsten den Erlaß annehmen? Sollten die Menschen, die noch in der Finsternis lebten, vom Licht des Evangeliums ausgeschlossen bleiben? Entscheidendes für die Welt stand auf dem Spiel. Die Bekenner des reformatorischen Glaubens kamen zusammen und beschlossen einmütig: “Wir verwerfen diesen Erlaß. In Fragen des Gewissens kommt es nicht auf die Mehrheit an.” (D‘Aubigne: Geschichte der Reformation, Buch 13, Kapitel 5.) WA 69.1

Dieser Grundsatz muß auch heute von uns hochgehalten werden. Das Banner der Wahrheit und der religiösen Freiheit, von den Begründern der Evangeliumsgemeinde und von Gottes Zeugen der vergangenen Jahrhunderte hochgehalten, ist in dieser letzten Auseinandersetzung unsern Händen anvertraut worden. Die Verantwortung für diese große Gabe ruht auf denen, die Gott mit der Erkenntnis seines Wortes gesegnet hat. Dieses Wort sollte für uns höchste Autorität sein. Die irdische Regierung sollten wir als gottgegebene Ordnung anerkennen und innerhalb ihres rechtmäßigen Bereiches den Gehorsam ihr gegenüber als heilige Pflicht lehren. Widersprechen ihre Ansprüche aber den Ansprüchen Gottes, müssen wir Gott mehr gehorchen als den Menschen. Gottes Wort steht für einen Christen über jeder menschlichen Gesetzgebung. Ein “So spricht der Herr” kann nicht durch ein “So spricht die Gemeinde (Kirche)” oder ein “So spricht der Staat” aufgehoben werden. Die Krone Christi ist höher zu achten als die Diademe irdischer Machthaber. WA 69.2

Wir werden nicht aufgefordert, der Obrigkeit zu trotzen. Unsere Worte, gesprochen oder geschrieben, sollten wir sorgfältig abwägen, damit wir alles meiden, was den Anschein erwecken könnte, als stünden wir Gesetz und Ordnung feindlich gegenüber. Wir sollten nichts sagen oder tun, das uns unnötig den Weg versperren könnte. In Christi Namen sollen wir vorangehen und für die Wahrheit eintreten, die uns anvertraut ist. Wollen Menschen uns dies verbieten, müssen wir wie die Apostel sagen: “Wir könn’s ja nicht lassen, daß wir nicht reden sollten von dem, was wir gesehen und gehört haben.” Apostelgeschichte 4,20. WA 70.1