Das Wirken der Apostel

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“... zu Jerusalem und in ganz Judäa”

Kapitel 4: Pfingsten

Auf der Grundlage von Apostelgeschichte 2,1-39.

Als die Jünger vom Ölberg nach Jerusalem zurückkehrten, suchten die Menschen in ihren Gesichtern Spuren des Kummers, der Verwirrung und der Niedergeschlagenheit; aber sie entdeckten nur Fröhlichkeit und Siegesfreude. Die Jünger klagten nicht über enttäuschte Hoffnungen. Sie hatten ja den auferstandenen Heiland gesehen, und die Worte seiner Abschiedsverheißung klangen ihnen noch in den Ohren. WA 37.1

Gehorsam dem Befehl Christi warteten sie in Jerusalem auf die Verheißung des Vaters: auf die Ausgießung des Heiligen Geistes. Sie warteten nicht untätig. Nach dem biblischen Bericht waren sie “allewege im Tempel und priesen Gott”. Lukas 24,53. Sie kamen ferner zusammen, um in Jesu Namen dem Vater ihre Bitten vorzulegen. Sie wußten, daß sie einen Vertreter im Himmel, einen Fürsprecher am Throne Gottes hatten. WA 37.2

Ehrfürchtig beugten sie sich im Gebet und stützten sich auf die Zusicherung: “Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater etwas bitten werdet, so wird er’s euch geben in meinem Namen. Bisher habt ihr nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr nehmen, daß eure Freude vollkommen sei.” Johannes 16,23.24. Immer höher streckten sie die Hand des Glaubens empor mit der starken Begründung: “Christus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, welcher ist zur rechten Gottes und vertritt uns.” Römer 8,34. WA 37.3

Während die Jünger auf die Erfüllung der Verheißung warteten, demütigten sie sich in aufrichtiger Reue und bekannten ihren Unglauben. Da sie sich an die Worte erinnerten, die Christus vor seinem Tode zu ihnen gesprochen hatte, verstanden sie nun deren volle Bedeutung. Wahrheiten, die ihrem Gedächtnis entschwunden waren, wurden ihnen wieder lebendig, und sie erinnerten sich gegenseitig daran. Sie machten sich Vorwürfe, den Heiland mißverstanden zu haben. Wie ein Schaubild zogen alle Begebenheiten seines wundervollen Lebens an ihnen vorüber. Als sie über sein reines, heiliges Leben nachdachten, erschien ihnen angesichts der Aufgabe, das Liebenswerte des Wesens Christi durch ihr eigenes Leben bezeugen zu dürfen, keine Mühe zu schwer, kein Opfer zu groß. Wie ganz anders würden sie handeln, könnten sie die vergangenen drei Jahre noch einmal durchleben! Könnten sie doch den Meister wiedersehen, was täten sie dann nicht alles, um ihm zu zeigen, wie innig sie ihn liebten und wie aufrichtig sie es bereuten, ihn je durch ein Wort oder eine Tat des Unglaubens betrübt zu haben. Doch sie trösteten sich mit dem Gedanken, daß ihnen vergeben war. Und sie waren entschlossen, soweit wie möglich ihren Unglauben durch mutiges Bekennen Christi vor der Welt wiedergutzumachen. WA 38.1

Ernsthaft beteten die Jünger um die Befähigung, Menschen begegnen und ihnen im täglichen Umgang Worte sagen zu können, durch die Sünder zu Christus geführt würden. Alle Meinungsverschiedenheiten und alles Streben nach Macht gaben sie auf und schlossen sich zu einer wahrhaft christlichen Gemeinschaft zusammen. Je näher sie Gott kamen, desto mehr erkannten sie, welch ein Vorrecht ihnen zuteil geworden war, so eng mit Christus verbunden zu sein. Traurigkeit erfüllte ihre Herzen, wenn sie daran dachten, wie oft sie ihn durch die Trägheit ihrer Gedanken und durch ihren Mangel an Verständnis für die Lehren, die er zu ihrem Besten mitzuteilen versuchte, betrübt hatten. WA 38.2

Diese Tage der Vorbereitung waren Tage gründlicher Herzensprüfung. Die Jünger spürten ihre geistliche Not und baten den Herrn um “die Salbung von dem, der heilig ist” (1.Johannes 2,20), um für das Werk der Seelenrettung tauglich zu werden. Sie flehten nicht nur für sich um Segen, sondern empfanden eine Bürde für das Seelenheil anderer. Ihnen wurde bewußt, daß das Evangelium der Welt gebracht werden müsse; deshalb verlangten sie nach der Kraft, die Christus verheißen hatte. WA 39.1

In der Zeit der Patriarchen war das Wirken des Heiligen Geistes oftmals in bemerkenswerter Weise offenbar geworden, doch nie in seiner ganzen Fülle. Nun baten die Jünger demütig und dem Wort des Heilandes gehorsam um diese Gabe, und Christus unterstützte sie darin durch seine Fürsprache im Himmel. Er erhob Anspruch auf die Gabe des Geistes, um sie über sein Volk ausgießen zu können. “Und als der Tag der Pfingsten erfüllt war, waren sie alle beieinander an einem Ort. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes und erfüllte das ganze Haus, da sie saßen.” Apostelgeschichte 2,1.2. WA 39.2

Der Geist kam in solcher Fülle auf die wartenden, betenden Jünger, daß er jedes Herz erfaßte. Der Ewige offenbarte sich machtvoll seiner Gemeinde. Es schien, als sei diese Kraft jahrhundertelang zurückgehalten worden und als freute sich der Himmel nun, die Reichtümer der Gnadengaben des Geistes auf die Gemeinde ausschütten zu können. Unter dem Einfluß des Geistes vermischten sich Worte der Reue und des Bekennens mit Lobpreisungen für vergebene Sünden. Worte des Dankes und der Weissagung waren zu hören. Der Himmel neigte sich herab, um die Weisheit der unvergleichlichen, unbegreiflichen Liebe wahrzunehmen und anzubeten. Bewundernd riefen die Apostel: “Darin steht die Liebe!” 1.Johannes 4,10. Sie ergriffen die verliehene Gabe. Und was war die Folge? Mit neuer Kraft ausgerüstet und in das blitzende Licht des Himmels getaucht, brach sich das Schwert des Geistes Bahn gegenüber dem Unglauben. Tausende wurden an einem Tage bekehrt. WA 39.3

“Es ist euch gut, daß ich hingehe”, so hatte Christus zu den Jüngern gesagt. “Denn wenn ich nicht hingehe, so kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden ... Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, der wird euch in alle Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selber reden; sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen.” Johannes 16,7.13. WA 40.1

Christi Himmelfahrt war das Zeichen dafür, daß seine Nachfolger den verheißenen Segen empfangen sollten. Darauf sollten sie warten, ehe sie ihr Werk aufnahmen. Als Christus zu den Toren des Himmels eingegangen war, wurde ihm der Thron übergeben, wobei ihn die Engel anbeteten. Sobald diese feierliche Handlung beendet war, kam der Heilige Geist in reicher Fülle auf die Jünger herab. So wurde Christus in der Tat mit jener Klarheit verklärt, die er von Ewigkeit her beim Vater gehabt hatte. Durch die Ausgießung des Heiligen Geistes zu Pfingsten teilte der Himmel mit, daß die Einsetzung des Erlösers geschehen war. Er hatte den Heiligen Geist vom Himmel gesandt zum Zeichen, daß er nun als Priester und König alle Gewalt im Himmel und auf Erden erhalten habe und der Gesalbte über sein Volk sei. WA 40.2

“Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeglichen unter ihnen, und sie wurden alle voll des heiligen Geistes und fingen an zu predigen in andern Zungen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.” Apostelgeschichte 2,3.4. In der Gestalt feuriger Zungen ruhte der Heilige Geist auf den Versammelten. Dies war ein Sinnbild der Gabe, die den Jüngern verliehen wurde und sie befähigte, fließend Sprachen zu sprechen, die sie vorher nicht gekannt hatten. Die Erscheinung des Feuers bezeichnete den glühenden Eifer, mit dem die Apostel arbeiten würden, und die Kraft, die ihr Werk begleiten sollte. WA 40.3

“Es waren aber Juden zu Jerusalem wohnend, die waren gottesfürchtige Männer aus allerlei Volk, das unter dem Himmel ist.” Apostelgeschichte 2,5. In der Zeit der Zerstreuung hatten sich die Juden fast über die ganze damals bewohnte Welt verbreitet und in ihrer Verbannung verschiedene Sprachen gelernt. Viele dieser Juden weilten in Jerusalem, um an den gerade stattfindenden Festlichkeiten teilzunehmen. Unter den Anwesenden waren alle bekannten Sprachen vertreten. Diese Vielzahl von Sprachen hätte sich bei der Verkündigung des Evangeliums als ein großes Hindernis ausgewirkt. Deshalb glich Gott das Unvermögen der Apostel in wunderbarer Weise aus. Der Heilige Geist vollbrachte für sie, was sie Zeit ihres Lebens nicht erreicht hätten. Nun konnten sie die Wahrheiten des Evangeliums weithin verkündigen; denn sie redeten fehlerfrei in den Sprachen derer, auf die sich ihre Arbeit erstreckte. Diese wunderbare Gabe war der Welt gegenüber ein starker Beweis dafür, daß der Auftrag der Jünger das Siegel des Himmels trug. Von dieser Zeit an war die Sprache der Apostel rein, einfach und genau, ob sie sich nun ihrer Muttersprache oder einer fremden Sprache bedienten. WA 40.4

“Da nun diese Stimme geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa? Wie hören wir denn ein jeglicher seine Sprache, darin wir geboren sind?” Apostelgeschichte 2,6-8. WA 41.1

Diese wunderbare Bekundung versetzte die Priester und Obersten in Wut, aber sie wagten es nicht, ihrem Haß freien Lauf zu lassen, weil sie fürchteten, sich damit der Gewalttätigkeit des Volkes auszusetzen. Sie hatten den Nazarener hingerichtet, und nun standen seine Diener da, ungelehrte Männer aus Galiläa, und erzählten in allen damals geläufigen Sprachen die Geschichte seines Lebens und Wirkens. Entschlossen, die wunderbare Kraft der Jünger natürlich zu erklären, behaupteten die Priester, die Jünger seien durch übermäßigen Genuß des neuen, für das Fest bestimmten Weines betrunken. Einige der Unwissendsten unter den Anwesenden nahmen diese Unterstellung als wahr hin, die Verständigen aber wußten, daß sie falsch war; denn jene, die die verschiedenen Sprachen verstanden, bezeugten, mit welcher Genauigkeit die Jünger sie gebrauchten. WA 41.2

In Erwiderung auf die Anschuldigung seitens der Priester zeigte Petrus, daß dieses Geschehen eine deutliche Erfüllung der Prophezeiung Joels sei, in der vorausgesagt werde, daß eine solche Kraft auf Menschen kommen werde, um sie für ein besonderes Werk zu befähigen. “Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, liebe Männer, und alle, die ihr zu Jerusalem seid, das sei euch kundgetan, und lasset meine Worte zu euren Ohren eingehen. Denn diese sind nicht trunken, wie ihr wähnet, ist es doch erst die dritte Stunde am Tage; sondern das ist, was durch den Propheten Joel zuvor gesagt ist: ‘Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben; und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen.’” Apostelgeschichte 2,14-18. WA 42.1

Klar und kraftvoll legte Petrus Zeugnis ab von dem Tod und der Auferstehung Christi: “Ihr Männer von Israel, höret diese Worte: Jesus von Nazareth, den Mann, von Gott unter euch erwiesen mit Taten und Wundern und Zeichen, welche Gott durch ihn tat unter euch, wie ihr selbst wisset: ihn, der durch Ratschluß und Vorsehung Gottes dahingegeben war, habt ihr durch die Hand der Heiden ans Kreuz geschlagen und getötet. Den hat Gott auferweckt und aufgelöst die Schmerzen des Todes, wie es denn unmöglich war, daß er sollte von ihm gehalten werden.” Apostelgeschichte 2,22-24. WA 42.2

Petrus berief sich nicht auf die Lehren Christi, um seine Behauptung zu beweisen, denn er wußte, daß das Vorurteil seiner Zuhörer so groß war, daß seine Worte über dieses Thema ohne Wirkung bleiben würden. Stattdessen sprach er von David, den die Juden als einen der Stammväter ihres Volkes schätzten. “David spricht von ihm: ‘Ich habe den Herrn allezeit vor Augen, denn er ist an meiner Rechten, auf daß ich nicht wanke. Darum ist mein Herz fröhlich, und meine Zunge frohlocket; auch mein Fleisch wird ruhen in der Hoffnung. Denn du wirst meine Seele nicht bei den Toten lassen, auch nicht zugeben, daß dein Heiliger die Verwesung sehe ...’ Ihr Männer, liebe Brüder, lasset mich frei reden zu euch von dem Erzvater David. Er ist gestorben und begraben, und sein Grab ist bei uns bis auf diesen Tag. Da er nun ein Prophet war und wußte, daß ihm Gott verheißen hatte mit einem Eide, daß sein Nachkomme sollte auf seinem Thron sitzen, hat er’s vorausgesehen und geredet von der Auferstehung des Christus, daß er nicht bei den Toten gelassen ist und sein Fleisch die Verwesung nicht gesehen hat. Diesen Jesus hat Gott auferweckt; des sind wir alle Zeugen.” Apostelgeschichte 2,25-32. WA 43.1

Welch ein Schauspiel! Seht, wie aus allen Richtungen die Menschen kommen, um von den Jüngern die Wahrheit über Jesus zu erfahren! Sie drangen herein und füllen den Tempel. Priester und Oberste sind anwesend. Ihre Angesichter blicken noch finster und feindselig drein; ihre Herzen sind noch erfüllt von unversöhnlichem Haß gegen Christus, und ihre Hände sind noch nicht gereinigt von dem Blut, das sie bei der Kreuzigung des Erlösers der Welt vergossen haben. Sie hatten gedacht, Apostel vorzufinden, die durch Gewalttat und Mord eingeschüchtert wären; stattdessen sind diese Männer aller Furcht enthoben und vom Heiligen Geist erfüllt und verkünden mit Macht die Göttlichkeit Jesu. Unerschrocken erklären sie, daß der unlängst so Erniedrigte, Verspottete, von grausamen Händen Gegeißelte und Gekreuzigte der Fürst des Lebens sei, den Gott nun zu seiner Rechten erhoben habe. WA 43.2

Einige Zuhörer der Apostel hatten selbst an der Verurteilung und Hinrichtung Christi mitgewirkt und eingestimmt in den Ruf des lärmenden Haufens, der seine Kreuzigung forderte. Als Jesus und Barabbas im Gerichtssaal vor ihnen standen und Pilatus fragte: “Welchen wollt ihr, daß ich euch losgebe?” (Matthäus 27,17), da schrien sie: “Nicht diesen, sondern Barabbas.!” Johannes 18,40. Daraufhin lieferte Pilatus ihnen Christus aus mit den Worten: “Nehmt ihr ihn hin und kreuzigt ihn, denn ich finde keine Schuld an ihm.” Johannes 19,6. “Ich bin am Blut dieses Gerechten unschuldig.” Sie aber riefen: “Sein Blut über uns und über unsere Kinder!” Matthäus 27,24.25 (Menge). WA 44.1

Nun erfuhren sie von den Jüngern, daß sie Gottes Sohn gekreuzigt hatten. Priester und Oberste zitterten. Schuldgefühl und Angst ergriffen das Volk. “Als sie aber das hörten, gig’s ihnen durchs Herz, und sprachen zu Petrus und zu den andern Aposteln: Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir tun?” Apostelgeschichte 2,37. Unter den Zuhörern befanden sich fromme, in ihrem Glauben aufrichtige Juden. Die Vollmacht, die aus den Worten des Redners sprach, überzeugte sie davon, daß Jesus wirklich der Messias war. WA 44.2

“Petrus sprach zu ihnen: ‘Tut Buße und lasse sich ein jeglicher taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des heiligen Geistes.’ Denn euer und eurer Kinder ist diese Verheißung und aller, die ferne sind, soviele der Herr, unser Gott, herzurufen wird.” Apostelgeschichte 2,38.39. WA 44.3

Petrus wies die ihres Unrechts Überführten nachdrücklich auf die Tatsache hin, daß sie Christus nur verworfen hatten, weil sie sich von den Priestern und Obersten hatten täuschen lassen. Wenn sie fortführen, diese Männer um Rat zu fragen, und Christus erst anerkennen wollten, wenn jene sich auch dazu entschlossen, nahmen sie ihn nie an. Obwohl diese einflußreichen Männer Frömmigkeit vorschützten, waren sie doch begierig nach irdischem Reichtum und weltlicher Ehre. Sie waren nicht bereit, zu Christus zu kommen und sich von ihm erleuchten zu lassen. WA 44.4

Unter dem Einfluß dieses himmlischen Lichtes standen den Jüngern nun die Schriftstellen, die Christus ihnen erklärt hatte, im Glanz der vollkommenen Wahrheit vor Augen. Fortgenommen war nun der Schleier, der sie daran gehindert hatte, das Ende dessen zu sehen, was ungültig geworden war, und sie verstanden mit völliger Klarheit den Zweck der Sendung Christi und das Wesen seines Reiches. Kraftvoll konnten sie vom Heiland reden. Als sie ihren Zuhörern nun den Erlösungsplan erklärten, wurden viele überführt und überzeugt. Sie, brachen innerlich mit den von den Priestern eingeprägten Überlieferungen und abergläubischen Vorstellungen und nahmen die Lehren des Heilandes an. WA 45.1

“Die nun sein Wort annahmen, ließen sich taufen; und wurden hinzugetan an dem Tage bei dreitausend Seelen.” Apostelgeschichte 2,41. WA 45.2

Die Obersten der Juden hatten erwartet, daß Christi Werk mit seinem Tode enden werde; stattdessen waren sie Zeugen der wunderbaren Ereignisse am Pfingsttag. Sie hörten die Jünger in bisher ungekannter Kraft und Entschiedenheit Christus predigen und sahen ihre Worte durch Zeichen und Wunder bestätigt. In Jerusalem, der Hochburg jüdischen Glaubens, bekannten Tausende freimütig ihren Glauben an Jesus von Nazareth als den Messias. WA 45.3

Die Jünger waren über die große Seelenernte erstaunt und hocherfreut. Sie betrachteten diese wunderbare Ernte nicht als Ergebnis ihrer Bemühungen, sondern erkannten ganz klar, daß sie nur die Arbeit anderer fortsetzten. Seit Adams Fall hatte Christus den Samen seines Wortes erwählten Dienern anvertraut, um sie in Menschenherzen zu säen. Er selbst hatte während seines Erdenlebens die Saat der Wahrheit ausgestreut und mit seinem Blut begossen. Die Bekehrungen jetzt zu Pfingsten waren die Frucht dieses Säens, die Ernte der Arbeit Christi. Durch sie offenbarte sich die Kraft seiner Lehre. WA 45.4

So klar und überzeugend die Schlußfolgerungen der Apostel auch waren, sie allein hatten doch nicht das Vorurteil beseitigen können, das so vielen Beweisen widerstanden hatte. Aber der Heilige Geist überführte mit göttlicher Kraft die Herzen von deren Richtigkeit. Die Worte der Apostel waren wie scharfe Pfeile des Allmächtigen und überzeugten die Menschen davon, welch schreckliche Schuld sie durch die Verwerfung und Kreuzigung des Herrn der Herrlichkeit auf sich geladen hatten. WA 46.1

Unter der Anleitung Christi waren die Jünger dahin geführt worden, ihr Bedürfnis nach dem Heiligen Geist zu empfinden, während ihre Belehrung durch den Geist sie erst richtig befähigte, ihr Lebenswerk durchzuführen. Sie waren nicht mehr unwissend und ungebildet, nicht länger eine Anzahl unabhängiger Teile oder einander abstoßender, nicht zueinander passender Elemente. Hinfort setzten sie ihre Hoffnung nicht mehr auf weltliche Größe, sondern waren “einmütig”, “ein Herz und eine Seele”. Apostelgeschichte 2,46; Apostelgeschichte 4,32. Christus füllte ihre Gedanken aus, die Förderung seines Reiches war ihr Ziel. In Gesinnung und Charakter waren sie ihrem Meister ähnlich geworden, und die Menschen “wußten auch von ihnen, daß sie mit Jesus gewesen waren”. Apostelgeschichte 4,13. WA 46.2

Pfingsten brachte ihnen die himmlische Erleuchtung. Die Wahrheiten, die sie nicht erfassen konnten, solange Christus bei ihnen war, öffneten sich ihnen nun. Mit nie zuvor gekannter freudiger Glaubenszuversicht nahmen sie die Lehren der Heiligen Schrift an. Für sie war es fortan nicht mehr nur eine Sache des Glaubens, daß Christus der Sohn Gottes war; sie wußten, daß er, wenn auch in Menschlichkeit gehüllt, wirklich der Messias war. Sie verkündigten der Welt ihre Erfahrung mit einer Bestimmtheit, die die Überzeugung in sich trug, daß Gott mit ihnen war. WA 46.3

Zuversichtlich konnten sie den Namen Jesu aussprechen. War er nicht ihr Freund und älterer Bruder? In enger Verbindung mit Christus gebracht, waren sie in sein himmlisches Reich versetzt. In welch begeisternde Sprache kleideten sie ihre Gedanken, wenn sie für ihn Zeugnis ablegten! Ihre Herzen waren mit einer so überfließenden, tiefen und weitreichenden Güte erfüllt, daß es sie drängte, als Zeugen der Macht Christi bis ans Ende der Welt zu gehen. Von ganzem Herzen sehnten sie sich danach, das von ihm begonnene Werk fortzuführen. Sie erkannten die Größe ihrer Schuld dem Himmel gegenüber und die Verpflichtung zu ihrem Dienst. Gestärkt durch die Gabe des Heiligen Geistes gingen sie voller Eifer daran, die Siege des Kreuzes zu mehren. Der Geist belebte sie und sprach durch sie. Der Friede Christi strahlte von ihren Angesichtern. Sie hatten ihr Leben seinem Dienst geweiht, und ihr ganzes Wesen bekundete, welche Entscheidung sie getroffen hatten. WA 47.1