Leben und Wirken von Ellen G. White

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Kapitel 43: Wiederherstellung der Gesundheit

Im April 1882 eröffnete die californische Konferenz eine Schule in Heldsburg, die bald als das Heldsburg-Kollegium inkorporiert wurde. Da Frau White dieser Anstalt nahe zu sein wünschte, kaufte sie an der äußersten Häusergrenze der Ortschaft ein Heim und wohnte daselbst mehrere Jahre. LW 299.1

Ein Jahr nach ihres Mannes Tode befand sie sich in diesem neuen Heim, und Freunde machten Bemerkungen darüber, wie gesund sie aussah, und sprachen von ihrer geschäftigen Arbeit. LW 299.2

Am 22. August begab sie sich nach Oakland, um Ält. Uriah Smith, Ält. Wm. Ings und Frau Professor C. C. Ramsey, die alle vom Osten gekommen waren, zu bewillkommnen. Drei Tage danach wurde sie in dem Heime ihres Sohnes W. C. White von heftigem Schüttelfrost befallen, mit nachfolgendem Fieber, und trotz gründlicher Behandlungen von seiten der Frau Doktorin C. F. Young und getreuer Pflege von Frau Ings und Mary Chinnock hielten die Malariaanfälle bis zum 10. September an. Obgleich sie sehr schwach war, wünschte sie nach dem St. Helena-Sanatorium genommen zu werden, da sie glaubte, dass das vorzüglichere Klima der Berge ihre Wiederherstellung begünstigen werde. LW 299.3

Am 15. September unternahm sie die Reise in einem Kranken-Fahrstuhl, der auf dem Bahnhof in den Gepäckwagen gehoben wurde. Nach ein paar Tagen Behandlung im Sanatorium, die ihr scheinbar wenig Nutzen brachte, bat sie, nach ihrem Heim in Healdsburg gebracht zu werden. Es wurde ein Bett in einem Sprung-Federwagen hergerichtet, und begleitet von ihrem Sohne und Frau Ings legte sie die mühselige Reise von fünfunddreißig Meilen zurück. LW 299.4

Die jährliche Lagerversammlung der californischen Konferenz sollte vom 6. bis Oktober in Healdsburg abgehalten werden. Auf dieser Versammlung sollten wichtige Beschlüsse betreffs der Arbeit des Healdsburg-Kollegiums gefasst werden, Würden unserer Brüder es unterstützen und für den Bau des Heims für die Schüler reichliche Gaben darbringen, oder würde die Arbeit der Schule aus Mangel an geeigneten Hilfsmitteln gelähmt werden? LW 300.1

Frau White wünschte sich aufs sehnlichste Gesundheit und Kraft, so dass sie die Versammlung besuchen und ihr Zeugnis ablegen konnte; aber die Aussichten waren entmutigend. Sie hatte einen schlimmen Husten, und ihre linke Lunge schmerzte sie sehr. Sie war schwach und ohne Tatkraft und Mut. Trotzdem sagte sie: “Bereitet mir einen Platz auf der Versammlung zu, denn ich werde ihr, wenn möglich, beiwohnen.” Sie drückte die Hoffnung aus, dass wenn sie auf dem Lagergrunde eintreffen werde, sich ein erweckender Einfluss zeigen möchte. LW 300.2

Am Sabbatvormittag war sie sehr schwach, kaum fähig, ihr Bett zu verlassen. Aber am Mittag sagte sie: “Bereitet mir einen Platz in dem großen Zelte zu, wo ich den Sprecher hören kann. Vielleicht wird mir der Klang der Stimme des Redner zum Segen werden. Ich hoffe auf etwas, das neues Leben bringen wird. LW 300.3

Es wurde für sie in der Nähe des Rednerpultes ein Sofa hergerichtet, mit dem Rücken gegen die Zuhörerschaft. Ält. Waggoner sprach über die Entscheidung und die frühe Arbeit der Botschaft und ihren Fortschritt bis zum Jahre 1882. Die Zuhörerschaft war groß, und es waren mehrere Geschäftsleute aus Healdsburg zugegen. Als Ält. Waggoner aufgehört hatte zu sprechen, sagte Frau White: “Helft mir auf die Füße.” Schwester Ings und ihr Sohn richteten sie auf, und sie wurde nach dem Rednerpulte geleitet. Indem sie sich mit beiden Händen an dem Pulte anhielt, begann sie in einer schwachen Weise den Versammelten zu sagen, dass dies das letzte Mal sein könnte, dass sie ihre Stimme auf einer Lagerversammlung hörten. Nachdem sie ein paar Sätze gesprochen hatte, fand in ihrer Stimme und in ihrer Haltung eine Veränderung statt. Sie fühlte einen Strom von heilender Kraft. Ihre Stimme nahm an Stärke zu, und ihre Sätze wurden klar und vollständig. Als sie ihre Rede fortsetzte, zeigte sich ihre Stärke. Sie stand fest und brauchte sich nicht an dem Pulte anzuhalten, um sich zu stützen. Die große Versammlung sah die Heilung. Alle bemerkten den Wechsel in ihrer Stimme, und viele beachteten die Veränderung in ihrem Gesicht. Sie sahen die plötzliche Verwandlung von totenhafter Blässe zur Kraft der Gesundheit, als die natürliche Farbe gesehen wurde, zuerst an ihrem Halse, dann an dem unteren Teile des Gesichts und dann an der Stirn. Einer der Geschäftsleute von Heldsburg rief aus; “Ein Wunder vollzieht sich vor den Blicken dieser großen Zuhörerschaft!” Nach der Versammlung bezeugte sie den sich erkundigenden Freunden, dass der Herr sie geheilt habe. Mit der Heilung kam Kraft und Mut zur Arbeit, und während des übrigen Teiles der Versammlung sprach sie fünfmal. LW 300.4

In dem Blatte “Sings of the Times” vom 26. Oktober 1882 schreibt der Redakteur, Ält. J. H. Waggoner, über diese Erfahrung wie folgt: LW 301.1

“Am Schlusse des Vortrags [am Sabbatnachmittag] ... stand sie auf und begann zum Volke zu reden. Ihre Stimme und ihre Erscheinung veränderten sich, und sie sprach ein Zeitlang mit Deutlichkeit und Kraft. Dann lud sie diejenigen ein, die einen Anfang im Dienste Gottes machen wollten, nach vorn zu kommen, und eine ziemliche Anzahl folgte dem Rufe ... LW 301.2

“Nach Schwester Whites erstem Versuch, zu sprechen, wie hier erwähnt, war ihre Wiederherstellung vollständig.” LW 302.1

Betreffs des in diesem Falle gewirkten Wunders bezeugte Frau White selbst in der The Signs of the Times, 2. November 1882: LW 302.2

“Zwei Monate lang hat meine Feder geruht, aber ich bin sehr dankbar, dass ich nun imstande bin, mein Schreiben wieder aufzunehmen. Der Herr hat mir einen weiteren Beweis seiner Gnade und seiner Güte gegeben, indem er meine Gesundheit von neuem wiederhergestellt hat. Ich wurde durch meine kürzliche Krankheit an den Rand des Grabes gebrach; aber die Gebete der Kinder Gottes für mich sind erhört worden. LW 302.3

“Ungefähr zwei Wochen ehe unsere Lagerversammlung anfing, wurde der Krankheit, an der ich litt, Einhalt getan; aber ich gewann nur wenig Kraft. Als die Zeit der Versammlung herannachte, schien es unmöglich für mich irgendwelchen Anteil daran zu nehmen ... Ich betete viel über diese Sache, aber ich blieb noch sehr schwach ... In meinem leidenden Zustande konnte ich nur hilflos in die Arme meines Erlösers fallen und dort ruhen. LW 302.4

“Als der erste Sabbat der Versammlung angebrochen war fühlte ich, dass ich auf dem Lagergrunde sein müsste, denn vielleicht würde ich dort den göttlichen Heiler antreffen. Am Nachmittage lag ich in dem großen Zelte auf einem Sofa, während Ältester Waggoner zu den Leuten sprach und die Zeichen vorführte, die andeuteten, dass der Tag Gottes sehr nahe ist. Nach Beendigung des Vortrags beschloss ich, mich auf meine Füße zu stellen, in der Hoffnung, dass wenn ich auf diese Weise im Glauben vorangehe und alles tue, was in meinen Kräften stand, Gott mir helfen würde, ein paar Worte zu den Leuten zu reden. Als ich zu sprechen anfing, kam die Macht Gottes über mich, und meine Kraft wurde plötzlich wiederhergestellt. LW 302.5

“Ich hatte gehofft, dass sich meine Schwäche allmählich verziehen werde; aber ich hatte keinen plötzlichen Wechsel erwartet. Das augenblickliche Werk, das für mich getan wurde, war unerwartet. Es kann nicht der Einbildung zugeschrieben werden. Die Leute sahen mich in meiner Schwachheit, und viele machten Bemerkungen darüber, dass ich allem Anscheine nach dem Tode geweiht sei. Beinahe alle, die zugegen waren, sahen den Wechsel, der in mir stattfand, während ich zu ihnen redete. Sie sagte, dass mein Gesicht sich veränderte und dass die totenhafte Blässe einer gesunden Farbe Platz machte. LW 303.1

“Ich bezeuge allen, die diese Worte lesen, dass der Herr mich geheilt hat. Göttliche Kraft wirkte ein großes Werk für mich, worüber ich froh bin. Ich war imstande, während der Versammlung jeden Tag zu arbeiten, und mehrmals sprach ich über eine und eine halbe Stunde. Mein ganzer Körper war von neuer Stärke und Lebenskraft durchdrungen. Eine neue Woge von Empfindungen, ein neuer und erhöhter Glaube nahmen Besitz von meiner Seele. LW 303.2

“Während meiner Krankheit lernte ich eine köstliche Lehre — ich lernte zu vertrauen, wo ich nicht sehen konnte, lernte, während ich unfähig war, irgend etwas zu tun, still und friedlich in dem Armen Jesu zu ruhen. Wir üben nicht Glauben wie wir sollten. Wir fürchten uns, uns auf das Wort Gottes zu verlassen. In der Stunde der Prüfung sollten wir unsere Seele mit der Gewissheit stärken, dass Gottes Verheißungen nie trügen werden. Alles, was er gesprochen hat, wird geschehen ... LW 303.3

“Vor meiner Krankheit dachte ich, dass ich Glauben an die Verheißungen Gottes habe; aber ich finde, dass ich über die große in mir gewirkte Veränderung überrascht bin, dass sie weit über meine Erwartungen geht. Ich bin dieser Bekundung der Liebe Gottes unwert. Ich habe Grund Gott ernster zu loben, in größerer Demut vor ihm zu wandeln und ihn mehr zu lieben als je vorher. Ich schulde es dem Herrn von neuem, ihm alles, was ich bin und habe, zu weihen. Ich muss andern das selige Licht bringen, das er in seiner Gnade auf mich hat scheinen lassen.” LW 304.1

Ich erwarte jetzt nicht, allen Schwächen und Trübsalen enthoben zu sein und auf der Reise nach dem Himmel einen glatten See zu haben. Ich erwarte Prüfungen, Verluste, Enttäuschungen und Schmerzen; aber der Heiland hat mir seine Verheißung gegeben, dass seine Gnade mir genügen wird. Wir müssen es nicht als etwas Befremdliches ansehen, wenn wir von dem Feinde aller Gerechtigkeit angegriffen werden. Christus hat verheißen, uns eine gegenwärtige Hilfe in jeder Zeit der Not zu sein; aber er hat uns nicht gesagt, dass wir von Prüfungen frei sein werden. Im Gegenteil, er hat uns deutlich gesagt, dass wir Mühsal haben werden. Geprüft und geläutert zu werden, ist ein Teil unserer moralischen Erziehung. Hier können wir die wertvollsten Lehren lernen und die köstlichsten Tugenden erlangen, wenn wir uns zu Gott nahen und in seiner Kraft alles ertragen. LW 304.2

“Meine Krankheit zeigte mir meine eigene Schwäche und meines Heilandes Geduld und Liebe und seine Macht zu retten. In schlaflosen Nächten hatte ich Hoffnung und Trost darin gefunden, die Langmut und die Zärtlichkeit Jesu seinen schwachen, irrenden Jüngern gegenüber zu betrachten und zu bedenken dass er noch derselbe ist, dass seine Gnade, sein Mitleid und seine Liebe sich nie ändern. LW 304.3

Er sieht unsere Schwäche, er weiß, wie sehr wir des Glaubens und des Mutes ermangeln; aber doch verwirft er uns nicht. Er hat Mitleid und zärtliches Mitgefühl mit uns. LW 305.1

“Ich mag auf meinem Posten fallen, ehe der Her kommen wird; aber wenn alle, die in ihren Gräbern sind, hervorkommen werden, werde ich, wenn ich treu bin, Jesu, sehen und in sein Ebenbild verwandelt werden. O, welche unaussprechliche Freude, ihn zu sehen, den wir lieben, ihn in seiner Herrlichkeit zu sehen, der uns so geliebt hat, dass er sich für uns dahingegeben hat — jene Hände zu schauen, die einst für unsere Erlösung durchgraben wurden, wie sie sich segnend und bewillkommnend gegen uns ausstrecken werden! Was liegt daran, wenn wir uns hier abmühen und leiden, wenn wir an den Auferstehung des Lebens Anteil haben werden! Wir wollen geduldig warten, bis unsere Zeit der Prüfung beendet ist, und dann werden wir den frohen Siegesruf anheben.” LW 305.2