Leben und Wirken von Ellen G. White

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Kapitel 32: Ein feierlicher Traum

Am Abend des 30. April 1871 begab ich mich sehr gedrückt im Geiste zur Ruhe. Drei Monate lang hatte ich mich in einem Zustande großer Niedergeschlagenheit befunden. Ich hatte oft in Geistesqualen um Erleichterung gebeten. Ich hatte Hilfe und Stärke von Gott erbeten, dass ich mich über die schweren Entmutigungen erheben möchte, die meinen Glauben und meine Hoffnung lähmten und mich zur Brauchbarkeit unfähig machten. LW 225.1

In jener Nacht hatte ich einen Traum, der einen sehr ermunternden Eindruck auf meinen Geist machte. Ich träumte, dass ich einer wichtigen Versammlung beiwohnte, auf der eine große Anzahl Personen zugegen waren. Viele waren in ernstem Gebete vor Gott gebeugt, und sie schienen eine Bürde zu haben. Sie flehten Gott um besonderes Licht an. Etliche schienen in Seelenqual zu sein; ihre Gefühle waren heftig; mit Tränen schrieen sie laut um Hilfe und Licht. Unsere hervorragendsten Brüder waren an dieser äußert eindrucksvollen Szene beteiligt. Bruder A. Lag auf dem Boden dahingestreckt, augenscheinlich in großer Not. Seine Frau saß unter einer Schar von gleichgültigen Spöttern. Sie sah aus, als ob sie allen zu verstehen geben wollte, dass sie diejenigen verachte, die sich in dieser Weise demütigten. LW 225.2

Ich träumte, dass der Geist des Herrn auf mich fiel, und ich stand inmitten von Rufen und Gebeten auf und sagte: “Der Geist des Herrn ist auf mir. Ich fühle mich genötigt, euch zu sagen, dass ihr anfangen müsst, persönlich für euch selbst zu arbeiten. Ihr seht auf Gott und wünscht, dass er ein Werk für euch tun möchte, das er euch selbst zu tun überlassen hat. Wenn ihr das Werk selbst tun werdet, welches ihr wisst, dass ihr tun sollt, dann wird Gott euch helfen, wenn ihr Hilfe nötig habt. Ihr habt gerade die Dinge ungetan gelassen, die Gott euch zu tun überlassen hat. Ihr habt Gott angerufen, eure Arbeit zu tun. Wäret ihr dem Lichte gefolgt, das er euch gegeben hat, dann würde er mehr Licht auf euch leuchten lassen; aber wie könnt ihr, während ihr die Ratschläge, Warnungen und Ermahnungen vernachlässigt, die gegeben worden sind, erwarten, dass Gott euch mehr Licht und mehr Segnungen geben wird, damit sie von euch vernachlässigt und verachtet werden? Gott ist wie ein Mensch; er wird nicht mit sich spotten lassen.” LW 225.3

Ich nahm die köstliche Bibel und umgab sie mit den verschiedenen “Zeugnissen für die Gemeinde”, die für das Volk Gottes gegeben worden waren. “Hier”, sagte ich, “sind die Fälle beinahe aller zu finden. Die Sünden, die sie meiden sollen, sind hier angedeutet. Der Rat, den sie wünschen, kann hier gefunden werden, wo er für andere Fälle gegeben ist, die den ihrigen ähnlich sind. Es hat Gott wohlgefallen, euch Gebot auf Gebot, Vorschrift auf Vorschrift zu geben. Aber es gibt nicht viele unter euch, die wirklich wissen, was in den Zeugnissen enthalten ist. Ihr seid mit der Heiligen Schrift nicht bekannt. Wenn ihr das Wort Gottes zu eurem Studium gemacht hättet, mit dem Wunsche, das biblische Vorbild zu erreichen und zu christlicher Vollkommenheit zu gelangen, so würdet ihr die Zeugnisse nicht nötig gehabt haben. Weil ihr es vernachlässigt habt, euch mit Gottes inspiriertem Buche bekannt zu machen, hat er euch durch einfache, direkte Zeugnisse zu erreichen gesucht, eure Aufmerksamkeit auf die Worte der Inspiration gelenkt, die ihr zu gehorchen vernachlässigt habt, und es euch ans Herz gelegt, euer Leben in Übereinstimmung mit seinen reinen und erhabenen Lehren zu bringen. LW 226.1

“Der Herr will euch durch die Zeugnisse warnen, ermahnen, Rat erteilen und euren Gemütern die Wichtigkeit der Wahrheit seines Wortes einschärfen. Die geschriebenen Zeugnisse sollen nicht neues Licht geben, sondern sie sollen die schon offenbarten inspirierten Wahrheiten dem Herzen lebendig einprägen. Des Menschen Pflicht gegen Gott und seine Nebenmenschen ist deutlich im Worte Gottes niedergelegt worden; aber nur wenige von euch sind dem gegebenen Lichte gehorsam. Weitere Wahrheit wird nicht hervorgebracht; aber Gott hat durch die Zeugnisse die schon gegebenen Wahrheiten vereinfacht und sie in seinem eigenen gewählten Wege vor das Volk gebracht, um durch sie das Gemüt zu erwecken und zu beeinflussen, so dass alle ohne Entschuldigung gelassen werden. LW 227.1

“Stolz, Selbstliebe, Selbstsucht, Hass, Neid und Eifersucht haben unser Empfindungsvermögen verdunkelt, und die Wahrheit, die euch weise zur Seligkeit machen würde, hat ihre Macht verloren, das Gemüt zu entzücken und zu beherrschen. Die wesentlichen Grundsätze der Gottseligkeit werden nicht verstanden, weil kein Hunger und kein Durst nach biblischer Kenntnis, Reinheit des Herzens und Heiligkeit des Lebens da ist. Die Zeugnisse sollen das Wort Gottes nicht geringer machen, sondern es erheben und Gemüter zu ihm hinziehen damit die schöne Einfachheit der Wahrheit von allen erkannt werden kann.” LW 227.2

Ich sagte weiter: “Wie das Wort Gottes von diesen Büchern und Broschüren umringt ist, so hat Gott euch mit Ermahnungen, Ratschlägen, Warnungen und Ermutigungen umringt. Hier fleht ihr in der Qual eurer Seelen vor Gott um mehr Licht. Ich bin von Gott beauftragt, euch zu sagen, dass kein anderer Lichtstrahl durch die Zeugnisse auf euren Pfad scheinen wird, bis ihr von dem bereits gegebenen Lichte einen praktischen Gebrauch macht. Der Herr hat euch mit Licht umringt; aber ihr habt das Licht nicht geschätzt, ihr habt es unter die Füße getreten. Während einige das Licht verachtet haben, haben andere dasselbe vernachlässigt oder sind ihm nur gleichgültig gefolgt. Einige wenige haben sich in ihrem Herzen vorgenommen, dem Lichte, das Gott ihnen gnädiglich geschenkt hat, zu gehorchen. LW 227.3

“Einige, die durch ein Zeugnis besondere Warnungen erhalten hatten, haben die gegeben Ermahnung in ein Paar Wochen vergessen. Einigen sind die Zeugnisse mehrere Male wiederholt worden; aber sie haben sie nicht für wichtig genug gehalten, sie sorgfältig zu beachten. Sie sind ihnen wie leeres Geschwätz gewesen. Hätten sie das gegebene Licht beachtet, so würden sie Verlusten und Prüfungen entgangen sein, die ihnen hart und schwer vorkommen. Sie haben sich nur selbst zu tadeln. Sie haben auf ihre eigenen Nacken ein Joch gelegt, das sie schwer zu tragen finden. Es ist nicht das Joch, das Christus ihnen aufgebunden hat. Gottes Liebe und Fürsorge wurde ihnen erwiesen, aber ihre selbstsüchtigen, bösen, ungläubigen Seelen konnten seine Güte und Barmherzigkeit nicht erkennen. Sie jagen in ihrer eigenen Weisheit dahin, bis sie, überwältigt von Versuchungen und verwirrt von Verlegenheit, von Satan gefangen genommen werden. Wenn ihr die Lichtstrahlen aufsammelt, die Gott in der Vergangenheit gegeben hat, wird er vermehrtes Licht geben.” LW 228.1

Ich verwies sie auf das alte Israel. Gott gab ihnen sein Gesetz; aber sie wollten nicht gehorchen. Dann gab er ihnen Zeremonien und Satzungen, damit in der Ausführung derselben Gott in Erinnerung gehalten werden möchte. Sie waren so geneigt, ihn und seine Anforderungen an sie zu vergessen, dass es notwendig war, in ihnen die Kenntnis ihrer Pflicht wachzuhalten, ihrem Schöpfer zu gehorchen und ihn zu ehren. Wären sie gehorsam gewesen und hätten sie Gottes Gebote gern gehalten, so wäre die Menge der Zeremonien und Satzungen nicht nötig gewesen. LW 228.2

Wenn das Volk, das jetzt vorgibt, Gottes besonderer Schatz zu sein, seinen Vorschriften gehorchen würde, wie sie in seinem Worte niedergelegt sind, so würden keine besonderen Zeugnisse gegeben werden, sie an ihre Pflicht zu erinnern und sie von ihrer Sünde und ihrer furchtbaren Gefahr der Vernachlässigung des Gehorsams gegen Gottes Wort zu überzeugen. Das Gewissen ist abgestumpft worden, weil das Licht beiseite gesetzt, vernachlässigt und verachtet wurde. Und Gott wird diese Zeugnisse von seinem Volke wegnehmen, es der Stärke berauben und es demütigen. LW 229.1

Ich träumte, dass als ich sprach, die Kraft Gottes in einer äußerst bemerkenswerten Weise auf mich fiel, und ich wurde aller Stärke beraubt, hatte jedoch kein Gesicht. Ich dachte, dass mein Mann vor dem Volke aufstand und ausrief: “Dies ist die wunderbare Kraft Gottes. Er hat die Zeugnisse zu einem mächtigen Mittel gemacht, um Seelen zu erreichen, und er wird durch sie noch mächtiger wirken, als er dies bisher getan hat. Wer will sich auf die Seite des Herrn stellen?” LW 229.2

Ich träumte, dass eine ziemliche Anzahl sofort auf die Füße sprang und dem Rufe Folge leistete. Andere saßen mürrisch da, einige bekundeten Spott und Hohn, und ein paar schienen gänzlich unbewegt zu sein. Es stand einer an meiner Seite und sagte: “Gott hat dich auserwählt, und hat dir gegeben, Worte zum Volke zu reden und Herzen zu erreichen, wie er es keinem andern gegeben hat. Er hat deine Zeugnisse so gelenkt, um den Fällen derer, die Hilfe bedürfen, zu entsprechen. Du musst unbewegt bleiben vor Zorn, Hohn, Vorwurf und Tadel. Um Gottes besonderes Werkzeug zu sein, musst du dich auf niemand lehnen, sondern dich an ihn allein hängen und wie die windende Weinrebe, deine Ranken um ihn schlingen. Er wird dich zu einem Mittel machen, durch das er seinem Volke sein Licht kundtun wird. Du musst täglich Stärke von Gott suchen, um geschützt zu sein, so dass durch deine Umgebung das Licht, das er durch dich auf sein Volk scheinen lässt, nicht getrübt oder verdeckt werde. Es ist Satans besondere Absicht, zu verhindern, dass dieses Licht zu dem Volke Gottes dringt, welches es inmitten dieser letzten Tage so notwendig hat. LW 229.3

“In deiner Einfachheit liegt dein Erfolg. Sobald du davon abweichst und deine Zeugnisse so bildest, dass sie den Wünschen einiger entsprechen, wird deine Kraft dahin sein. Beinahe alles in diesem Zeitalter ist überstrichen und unwirklich. Die Welt ist voll von Zeugnissen, die gegeben werden, um zu gefallen und für den Augenblick zu erfreuen und das Selbst zu erheben. Dein Zeugnis ist von anderer Natur. Es soll sich mit den Einzelheiten des Lebens befassen, den schwachen Glauben vor dem Sterben bewahren und den Gläubigen die Notwendigkeit ans Herz legen, wie Lichter in der Welt zu leuchten. LW 230.1

“Gott hat dir dein Zeugnis gegeben, um dem Abtrünnigen und dem Sünder seinen wahren Zustand und den gewaltigen Verlust, den er erleidet, indem er in einem Leben der Sünde fortfährt, vorzuführen. Gott hat dir dies auferlegt, indem er es dir im Gesichte gezeigt hat wie keinem andern jetzt Lebenden; und nach dem Lichte, das er dir gegeben hat, wird er dich verantwortlich halten. ‘Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth.’ ‘Erhebe deine Stimme wie eine Posaune; und verkündige meinem Volk ihr Übertreten und dem Hause Jakob ihre Sünden.’” Sacharja 4,6; Jesaja 58,1. LW 230.2

Dieser Traum machte einen gewaltigen Eindruck auf mich. Als ich erwachte, war meine Bedrücktheit vergangen, mein Gemüt war heiter, und ich verspürte großen Frieden. Die Schwachheiten, die mich zum Arbeiten unfähig gemacht hatten, waren beseitigt, und ich verspürte eine Stärke und eine Kraft, die ich seit Monaten nicht gekannt hatte. Es schien mir, dass die Engel Gottes gesandt worden waren, um mir Erleichterung zu bringen. Unaussprechliche Dankbarkeit erfüllte mein Herz für diesen Wechsel von Niedergeschlagenheit zu Licht und Glückseligkeit. Ich wusste, dass Hilfe von Gott gekommen war. Diese Bekundung erschien mir wie ein Wunder der göttlichen Gnade, und ich will für seine Güte nicht undankbar sein. LW 231.1