Erziehung

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Kapitel 1: Grundlage und Ziel wahrer Erziehung

“Alle Weisheit beginnt damit,
daß man Ehrfurcht vor Gott hat.
Den heiligen Gott kennen,
das ist Einsicht.”

Sprüche 9,10.

Meist fassen wir den Begriff Erziehung und alles, was damit zusammenhängt, viel zu eng. Dabei bedarf die Erziehung eines umfassenden Konzepts, weil sie ein hohes Ziel anstrebt. ERZ 11.1

Erziehung, die diesen Namen wirklich verdient, will und kann weit mehr vermitteln als nur fachliches Wissen. Sie erschöpft sich auch nicht darin, junge Menschen auf die vielfältigen Anforderungen des Lebens vorzubereiten. Sie zielt vielmehr auf die gesamte Persönlichkeit des Menschen — und zwar im Blick auf sein irdisches Leben hier und das künftige in Gottes Reich. Sie gibt sich auch nicht mit pädagogischen Teilaspekten zufrieden, sondern will eine harmonische Entwicklung der körperlichen, geistigen und geistlichen Fähigkeiten insgesamt bewirken. Der Mensch soll zwar tüchtig werden für die Aufgaben in dieser Welt, aber darüber darf nicht vergessen werden, daß Erziehung ein Ziel hat, das über das Diesseits hinausgeht. Sie soll schon hier und jetzt Wegbereiter sein für das künftige Leben in Gottes neuer Welt. ERZ 11.2

Im Wort Gottes wird klar definiert, aus welcher Quelle wahre Erziehung schöpft: “In ihm [Christus] ist alles, was es an Weisheit und Erkenntnis Gottes geben kann.”1 Oder an anderer Stelle: “Bei Gott ist wirklich Weisheit, Rat und Einsicht.”2 ERZ 11.3

Es hat zu allen Zeiten außergewöhnliche Menschen gegeben, die durch ihre Klugheit, ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse oder aufgrund ihrer Weisheit das Denken und Handeln ganzer Epochen prägten. Sie wurden zu Recht als Wohltäter der Menschheit gepriesen und verehrt — allerdings nicht immer schon zu ihren Lebzeiten. Doch es gibt einen, der ihnen allen überlegen ist. Wie weit wir auch die Reihe der hervorragenden Lehrer und Persönlichkeiten in dieser Welt zurückverfolgen: das göttliche Licht war lange vor ihnen da. Es ist ähnlich wie im Universum. Unser Mond und die Planeten leuchten zwar am nächtlichen Himmel, aber sie strahlen nicht ihr eigenes Licht aus, sondern werfen nur das Licht der Sonne zurück. So wurden auch die großen Denker der Menschheitsgeschichte erleuchtet und spiegelten wider, was sie zuvor von der Sonne der Gerechtigkeit empfangen hatten. Jeder große Gedanke, jeder Geistesblitz hat seinen Ursprung in dem, der das Licht der Welt ist. ERZ 12.1

Heutzutage wird viel darüber geredet, wie wichtig “höhere Bildung” ist, und wie sie aussehen solle. Dabei wird aber meist übersehen, daß die wahre “höhere Bildung” von dem kommt, der “Weisheit, Rat und Einsicht” ist, und “Wissen und Verständnis”1 schenkt. ERZ 12.2

Letztlich hat alle wahre Erkenntnis und jeder echte Fortschritt seinen Ursprung in der Gotteserkenntnis. Ob wir den körperlichen, geistigen oder geistlichen Bereich nehmen — soweit er nicht völlig von der Sünde entstellt ist —, überall begegnen wir dieser wichtigen Einsicht. Auch Wissenschaft und Forschung kommen früher oder später in irgendeiner Weise mit Gott in Berührung, wenn es ihnen wirklich um die Wahrheit geht. Da begegnet sozusagen der Geist des Menschen dem Geist Gottes, anders ausgedrückt: das Zeitliche trifft sich mit dem Ewigen. Solch eine Erfahrung ist für die gesamte Existenz des Menschen von unschätzbarem Wert und zugleich der gottgewollte Weg zu einer Bildung, die von nichts anderem übertroffen werden kann. ERZ 12.3

In diesem Sinne riet Elifas von Teman seinem Freund Hiob: “So vertrage dich nun mit Gott und mache Frieden; daraus wird dir viel Gutes kommen. Nimm doch Weisung an von seinem Munde und fasse seine Worte in dein Herz.”1 Und was dem leidenden Gottesmann Hiob galt, trifft zugleich auf alle anderen Menschen zu, zumal schon unser Urvater Adam nach dieser Methode “unterrichtet” und “erzogen” wurde. ERZ 12.4

Wenn wir Wesen und Ziel wahrer Erziehung richtig verstehen wollen, müssen wir uns mit der Wesensart des Menschen beschäftigen und danach fragen, mit welcher Absicht Gott ihn geschaffen hat. Dabei wird deutlich, welch gravierende Veränderungen sich durch den Einbruch der Sünde im Menschen und um ihn herum vollzogen haben. Wir werden aber auch erkennen, daß Gott sein “pädagogisches Ziel”, den Menschen zur völligen Übereinstimmung mit seinem Schöpfer zu führen, nie aus den Augen verloren hat. ERZ 13.1

Die Heilige Schrift bezeugt, daß der erste Mensch zum Ebenbild Gottes geschaffen wurde.2 Adam war zwar “nur” ein Geschöpf Gottes, aber er war seinem himmlischen Vater in jeder Beziehung ähnlich. Und je länger die ersten Menschen lebten, desto mehr sollte sich Gottes Wesen in ihnen widerspiegeln und entfalten. Der Schöpfer hatte sie mit einer Fülle von Fähigkeiten ausgestattet, die es fortan auf einem schier unerschöpflichen Betätigungsfeld zu entwickeln galt. ERZ 13.2

Der Mensch war dazu bestimmt, die “Wunderwerke aus [Gottes] vollkommener Meisterhand” zu erforschen.3 Und er durfte mit Gott von Angesicht zu Angesicht verkehren. Wäre er ihm treu gewesen, hätte das für immer so bleiben können. In alle Ewigkeit hätte er sein Wissen vertiefen und immer weiter zu den Quellen der Erkenntnis und des Glücks vordringen können. Sein Verständnis für Gottes Weisheit, Macht und Liebe wäre ständig gewachsen. Und nach und nach hätte er zu der Reife gelangen können, zu der ihn der Schöpfer von Anfang an bestimmt hatte. ERZ 13.3

Der Ungehorsam unserer Ureltern beendete diese gottgewollte Entwicklung mit einem Schlag. Durch die Sünde wurde das Bild Gottes im Menschen zwar nicht völlig zerstört, aber doch schwer beschädigt und oft genug bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Seine physische Natur wurde geschwächt, die geistigen Fähigkeiten nahmen ab, seine geistliche Wahrnehmung verkümmerte. Hinzu kam, daß sich das zu Glück und ewigem Leben bestimmte Geschöpf plötzlich als Todeskandidat wiederfand. Aber trotz ihres Ungehorsams überließ Gott die Sünder nicht hoffnungslos sich selbst. Weil er sie trotz allem liebte, wandte er sich nicht von ihnen ab, sondern setzte den Erlösungsplan in Kraft. Damit empfing der Mensch Leben auf Bewährung und die Verheißung, daß Gott einen Weg finden würde, auf dem der Sünder wieder zur ursprünglichen Ebenbildlichkeit Gottes zurückgeführt werden könnte. Darum geht es bei der Erlösung; das ist zugleich auch das Ziel der Erziehung und des Lebens. ERZ 13.4

Weil Liebe das Fundament der Schöpfung und Erlösung ist, kann auch nichts anderes als die Liebe Grundlage einer sinnvollen Erziehung sein. Das geht deutlich aus der Zusammenfassung der Gebote hervor: “Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben mit deinem ganzen Herzen, von ganzer Seele, mit aller Kraft und deinem ganzen Verstand. Und auch deinen Mitmenschen sollst du so lieben wie dich selbst.”1 In der Liebe zu Gott entfalten sich all unsere Anlagen und Fähigkeiten zur vollen und schönsten Blüte. Dadurch wird in uns — nach Leib, Seele und Geist — Gottes Ebenbild wieder hergestellt. ERZ 14.1

Aber das Gebot der Gottesliebe steht nicht für sich allein, sondern zieht das der Nächstenliebe nach sich. Beide gehören untrennbar zusammen und fordern den Einsatz von Geist, Seele und Leib im Dienst für Gott und die Mitmenschen. Wer sich anderen liebend und helfend zuwendet, wird selbst am meisten gesegnet. Selbstlosigkeit ist eine wichtige Voraussetzung für das eigene charakterliche und geistliche Reifen. Wer sich anderen selbstlos zuwendet, wird erleben, daß sich seine Fähigkeiten entfalten und Gottes Bild mehr und mehr in ihm Gestalt annimmt. Es gibt keine bessere Vorbereitung für ein Leben in Gottes Reich als die, unser Herz jetzt und hier mit Gottes Liebe füllen zu lassen. ERZ 14.2

Wenn Gott wirklich die Quelle aller Erkenntnis ist — und er ist es! —, dann muß es das wichtigste Ziel aller Erziehung sein, mit Gott in Berührung zu kommen und zu ihm hinzuführen. ERZ 15.1

Adam und Eva lernten direkt von Gott, denn sie hatten persönlichen Kontakt mit ihm. Darüber hinaus konnten sie Gottes Weisheit und Größe an seinen Werken erkennen, die der sichtbare Ausdruck seiner Gedanken und seines Wesens sind. Der Sündenfall änderte das alles radikal. Der direkte Kontakt mit Gott ging verloren, so daß die Menschen an Gottes Handeln nicht mehr so Anteil nehmen konnten, wie das früher der Fall gewesen war. Auf der durch die Sünde befleckten Erde wurde es zunehmend schwerer, noch etwas von Gottes Herrlichkeit wahrzunehmen. Allerdings sorgte der Herr dafür, daß seine Handschrift in der Natur und im Leben der Menschen nicht völlig verwischt wurde. ERZ 15.2

Bis heute läßt sich trotz Niedergang und Zerstörung in der Schöpfung immer noch die ordnende und gestaltende Macht Gottes erkennen — wenn man es nur sehen will. Aber der Abstand zwischen Gott und Mensch sowie unser eingeschränktes Wahrnehmungsvermögen bringen es mit sich, daß wir vieles in der Schöpfung und im Weltgeschehen nicht mehr richtig einordnen können. Deshalb sind wir dringend auf die Selbstoffenbarung Gottes in seinem Wort angewiesen. ERZ 15.3

In der Heiligen Schrift zeigt Gott, was Wahrheit ist und was er von uns will. Darum gebührt ihr in der Erziehung auch besondere Beachtung. Bildung, die diesen Namen wirklich verdient, kann nicht darauf verzichten, die in der Heiligen Schrift offenbarten Erkenntnisse über Gott, den Schöpfer, und Christus, den Erlöser, zu gewinnen und zu vermitteln. ERZ 15.4

Wir alle sind als Ebenbilder Gottes angelegt und geschaffen worden. Deshalb tragen wir selbst in einer von Sünde beherrschten Welt immer noch gottähnliche Merkmale und Fähigkeiten in uns. Zum Beispiel das Geschenk, eine eigene, unverwechselbare Persönlichkeit zu sein, oder die Fähigkeit zu denken und verantwortungsbewußt zu handeln. ERZ 15.5

Erziehung hat es damit zu tun, jungen Menschen zu helfen, die ihnen von Gott geschenkten Anlagen zu entdecken und zu entfalten. Sie sollen es lernen, selbständig und eigenverantwortlich zu denken, anstatt andere für sich denken zu lassen. Bildung darf nicht als bloßes Nachplappern fremder Gedanken mißverstanden werden. ERZ 15.6

Vieles von dem, was bedeutende Leute gesagt oder geschrieben haben, ist interessant und wichtig, aber es darf nicht von den Wahrheiten wegführen, die Gott uns in der Natur und in seinem Wort offenbart hat. Junge Menschen müssen es lernen, daß die ihnen anvertrauten Gaben und Fähigkeiten zugleich auch Verpflichtungen sind. Dann werden sie nämlich erleben, daß sich nicht nur ihr Geist und Verstand entfalten, sondern auch ihre seelische und moralische Kraft wächst. ERZ 16.1

Wenn junge Leute unsere Bildungseinrichtungen verlassen, sollten sie keine gelehrten Schwätzer sein, sondern Menschen, die klar denken und zielgerichtet handeln können; Menschen, die Verhältnisse verändern wollen und können, anstatt sich von ihnen bestimmen zu lassen; Menschen, die in der Lage sind, sich eine eigene Meinung zu bilden und den Mut haben, für ihre Überzeugung einzutreten. ERZ 16.2

Erziehung, die solche Ziele auf ihre Fahnen geschrieben hat, kann sich nicht mit bloßer Wissensvermittlung oder körperlicher Ertüchtigung begnügen. Wahre Erziehung wird immer auch ihren charakterbildenden Auftrag im Auge behalten. Wo das nicht geschieht, werden Wahrheit und Aufrichtigkeit letztlich auf der Strecke bleiben, weil sie von reinen Nützlichkeitserwägungen und vordergründigem Karrieredenken verdrängt werden. ERZ 16.3

Erziehung, die sich an göttlichen Grundsätzen orientiert, kann zu einem starken Bollwerk gegen das Böse werden. Sie wird dazu beitragen, daß sich der Mensch nicht an zerstörerische Leidenschaften und fragwürdige Neigungen verliert, sondern sein Denken und Handeln von dem bestimmen läßt, was er als richtig und wahr erkannt hat. Deshalb sollten junge Leute dazu angeleitet werden, sich gedanklich mit der Person Jesu sowie mit seinem Wesen und Werk zu beschäftigen. ERZ 16.4

Das wird ihnen nicht nur bei der Gestaltung des täglichen Lebens helfen, sondern auch ihren inneren Menschen im Sinne des Ebenbildes Gottes umgestalten. Von dieser Art Bildung und Weisheit heißt es in dichterischer Sprache: ERZ 16.5

“Man kauft sie nicht, man tauscht sie auch nicht ein, für Gold und Silber ist sie nicht zu haben. Man kann sie nicht mit feinstem Gold bezahlen, auch nicht mit Karneolen und Saphiren. Mit Gold und Glas läßt sie sich nicht vergleichen, Gerät aus bestem Gold reicht nicht zum Tausch. Korallen und Kristalle zählen nicht, sie übertrifft an Wert sogar die Perlen. Der feinste Topas und das reinste Gold sind unvergleichbar mit dem Wert der Weisheit.”1

Gottes Pläne für seine Kinder gehen weit über das hinaus, was wir uns vorstellen können. Als Adam aus der Hand des Schöpfers hervorging, war er ein menschliches Abbild des Ewigen. Uns zu dieser verlorenen Ebenbildlichkeit zurückzuführen, ist das erklärte Ziel Gottes. Jeder Schritt auf dem Lebensweg soll uns dieser Bestimmung ein Stück näher bringen. Diese hohe Berufung macht es erforderlich, sich nicht nur in den Niederungen eigensüchtiger Wünsche und rein irdischer Interessen zu bewegen, sondern in allen Bereichen nach dem Guten, Reinen und Edlen zu streben. ERZ 17.1

Wer mit Gott zusammenwirkt, um jungen Menschen Gotteserkenntnis zu vermitteln, und so dazu beiträgt, Wesenszüge zu formen, die den seinen entsprechen, erfüllt damit einen großartigen und wichtigen Auftrag. Wer in anderen den Wunsch weckt, Gott ähnlich zu werden, leistet damit eine Erziehungsarbeit, die so hoch ist wie der Himmel und so umfassend wie das Universum. Das wird auch nicht dadurch geschmälert, daß diese Umgestaltung auf Erden nicht abgeschlossen wird, sondern erst in der neuen Welt Gottes zur Vollendung gelangt. Anders ausgedrückt: Unser irdisches Leben ist eine Art Vorbereitungsstufe auf die “Hochschule” des Himmels. ERZ 17.2