Frühe Schriften von Ellen G. White

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Kapitel 2: Mein erstes Gesicht1

Gott hat mir die Reise der Adventisten nach der heiligen Stadt gezeigt und den reichen Lohn, den die erhalten, die auf die Rückkehr ihres Herrn von der Hochzeit warten. Es wird daher meine Pflicht sein, einen kurzen Abriß von dem zu geben, was Gott mir offenbart hat. Die teuren Heiligen haben viele Prüfungen zu bestehen. Aber “unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen wichtige Herrlichkeit uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig”. Ich habe versucht, einen guten Bericht und einige Trauben vom himmlischen Kanaan mitzubringen, wofür manche mich steinigen wollten, wie auch die Kinder Israel Kaleb und Josua für ihren Bericht steinigen wollten. 4.Mose 14,10. Aber ich versichere euch, meine Geschwister in dem Herrn, es ist ein gutes Land, und wir sind wohl imstande, hineinzugehen und es zu besitzen. FS 12.1

Während ich am Familienaltar betete, kam der Heilige Geist über mich, und ich schien immer höher zu steigen, weit über die dunkle Welt. Ich sah mich nach den Adventisten in der Welt um, konnte sie aber nicht finden. Da sagte eine Stimme zu mir: “Sieh noch einmal hin, aber schau ein wenig höher”. Jetzt erhob ich meine Augen und sah einen geraden, schmalen Pfad, der hoch über der Welt aufgeworfen war. Auf diesem pilgerten die Adventisten nach der heiligen Stadt, die am andern Ende des Pfades lag. Hinter ihnen, am Anfang des Weges, war ein helles Licht, das der “Mitternachtsruf”2 war, wie mir ein Engel sagte. FS 12.2

Dieses Licht schien den ganzen Pfad entlang und war ein Licht für ihre Füße, damit sie nicht straucheln möchten. Jesus selbst ging seinem Volk voran, um es zu leiten. Solange die Adventgläubigen ihre Augen auf ihn gerichtet hielten, waren sie sicher. Aber bald wurden manche von ihnen schwach und sagten, die Stadt sei so weit entfernt und sie hätten erwartet, eher anzukommen. Jesus ermutigte sie aber, indem er seinen mächtigen rechten Arm erhob, von dem ein Licht ausging, das sich über die Adventisten ergoß, und sie riefen: “Halleluja!” Andere verachteten unbesonnen das Licht hinter ihnen und sagten, daß es nicht Gott gewesen sei, der sie so weit hinausgeführt habe. Hinter solchen ging das Licht aus und ließ ihre Füße in vollständiger Finsternis. Sie strauchelten, verloren die Wegmarkierung und Jesus aus den Augen und fielen von dem Pfad herab in die dunkle, böse Welt unter ihnen. Bald hörten wir1 die Stimme Gottes gleich vielen Wassern, die uns Tag und Stunde des Kommens Jesu mitteilte. Die lebenden Heiligen, 144000 an der Zahl, kannten und verstanden die Stimme, während die Gottlosen sie für Donner und Erdbeben hielten. Als Gott die Zeit verkündete, goß er den Heiligen Geist auf uns aus, und unsere Angesichter begannen zu leuchten. Die Herrlichkeit Gottes spiegelte sich darauf, wie bei Mose, als er vom Berge Sinai herabkam. FS 13.1

Die 144000 waren alle versiegelt und vollkommen vereinigt. An ihren Stirnen war geschrieben: Gott, neues Jerusalem, und ein herrlicher Stern an ihren Stirnen enthielt Jesu neuen Namen. Über unsern glücklichen, heiligen Zustand wurden die Gottlosen zornig. Sie wollten ungestüm und gewalttätig über uns herfallen und Hand an uns legen, um uns ins Gefängnis zu werfen; wenn wir aber unsere Hände im Namen des Herrn ausstreckten, fielen sie hilflos zu Boden. Dann wußte die Synagoge Satans, daß Gott uns liebte, die wir einer des andern Füße waschen und die Brüder mit dem heiligen Kuß grüßen konnten, und sie beteten zu unsern Füßen an. FS 13.2

Bald wurden unsere Augen nach Osten gerichtet, wo eine kleine schwarze Wolke erschien, etwa halb so groß wie eines Menschen Hand. Wir alle wußten, daß dies das Zeichen des Menschensohnes war. In feierlichem Schweigen schauten wir alle nach der Wolke, wie sie näher kam und immer heller, strahlender und herrlicher wurde, bis sie eine große, weiße Wolke war. Der Grund erschien wie Feuer. Über der Wolke war ein Regenbogen, und sie war umgeben von zehntausend Engeln, die ein sehr liebliches Lied sangen. Auf der Wolke saß des Menschen Sohn. Sein Haar war weiß und lockig und lag auf seinen Schultern, und über seinem Haupte waren viele Kronen. Seine Füße waren wie Feuer; in seiner rechten Hand hatte er eine scharfe Sichel, in der linken eine silberne Posaune. Seine Augen waren wie Feuerflammen, die seine Kinder ganz und gar durchdrangen. Da wurden alle Angesichter bleich, und wer Gott verworfen hatte, den umfing Dunkelheit. Wir riefen alle aus: “Wer kann bestehen? Ist mein Kleid fleckenlos?” Die Engel hörten auf zu singen, und eine Zeitlang herrschte eine schreckliche Stille, bis Jesus rief: “Die reine Herzen und Hände haben, werden bestehen; meine Gnade ist hinreichend für euch.” Da leuchteten unsere Angesichter auf, und Freude erfüllte jedes Herz. Die Engel nahmen ihren Gesang um einen Ton höher wieder auf, während die Wolke der Erde noch näher kam. FS 14.1

Als Jesus, in Feuerflammen gehüllt, mit der Wolke herabkam, ertönte seine silberne Posaune. Er schaute auf die Gräber der schlafenden Heiligen, dann erhob er seine Augen und Hände gen Himmel und rief: “Erwachet! Erwachet! Erwachet, die ihr schlafet im Staub, und stehet auf!” Hierauf geschah ein mächtiges Erdbeben, die Gräber öffneten sich und die Toten kamen heraus, bekleidet mit Unsterblichkeit. Als die 144000 ihre Freunde erkannten, die der Tod von ihnen genommen hatte, riefen sie: “Halleluja!”, und in demselben Augenblick waren wir verwandelt und wurden samt ihnen hingerückt, dem Herrn entgegen in die Luft. FS 14.2

Wir traten alle gemeinsam auf die Wolke und wurden sieben Tage aufwärts getragen zum gläsernen Meer, wo Jesus die Kronen brachte und sie mit seiner Rechten eigenhändig auf unsere Häupter setzte. Er gab uns goldene Harfen und Siegespalmen. Die 144000 standen in einem vollkommenen Quadrat auf dem gläsernen Meer. Manche von ihnen hatten sehr herrliche Kronen, andere nicht so herrliche. Manche Kronen schienen mit Sternen beladen, während andere nur einige hatten, aber alle waren vollkommen zufrieden mit ihren Kronen. Die 144000 waren alle von den Schultern bis zu den Füßen mit einem herrlichen weißen Umhang bekleidet. Engel umgaben uns, als wir über das gläserne Meer zum Tor der Stadt gingen. Jesus erhob seinen mächtigen Arm, ergriff das Perlentor, schwang es in den glänzenden Angeln zurück und sagte zu uns: “Ihr habt eure Kleider in meinem Blut gewaschen, seid treu für meine Wahrheit eingestanden, tretet ein!” Wir traten alle ein und fühlten, daß wir ein vollkommenes Recht an der Stadt hatten. FS 15.1

Hier sahen wir den Baum des Lebens und den Thron Gottes. Vom Thron ging ein klarer Wasserstrom aus, und auf beiden Seiten des Stromes stand der Baum des Lebens. An jeder Seite des Stromes war ein Stamm des Baumes, beide von reinem, durchscheinendem Gold. Zuerst dachte ich, ich sähe zwei Bäume, ich schaute dann nochmals hin und sah, daß sie an der Spitze in einen Baum vereinigt waren. So steht der Baum des Lebens an jeder Seite des Lebensstromes. Seine Zweige neigten sich nach der Stelle, wo wir standen; die Früchte waren herrlich, sie sahen aus wie Gold, gemischt mit Silber. FS 15.2

Wir alle gingen unter den Baum und setzten uns nieder, um die Herrlichkeit des Platzes zu betrachten. Da kamen die Brüder Fitch und Stockman1 zu uns, die das Evangelium vom Reiche gepredigt hatten und die Gott in das Grab gelegt hatte, um sie zu erretten. Sie fragten uns, was wir erlebt hätten, während sie schliefen. Wir versuchten, unsere größten Schwierigkeiten zu erzählen, aber sie erschienen im Vergleich zu der uns umgebenden Herrlichkeit so klein, daß wir nicht darüber sprechen konnten, und wir riefen alle nur: “Halleluja, der Himmel ist leicht genug zu erlangen!” Wir spielten auf unseren goldenen Harfen, daß die Gewölbe des Himmels klangen. FS 15.3

Mit Jesus an unserer Spitze stiegen wir dann alle von der Stadt zu dieser Erde herab auf einen großen und hohen Berg, der den Herrn nicht tragen konnte und sich teilte, so daß eine große Ebene entstand. Dann schauten wir auf und sahen die große Stadt mit zwölf Grundsteinen und zwölf Toren, drei an jeder Seite, und einem Engel an jedem Tor. Wir alle riefen aus: “Die Stadt, die große Stadt, sie ist gekommen, sie ist herabgekommen von Gott aus dem Himmel”, und sie kam und ließ sich nieder auf dem Platz, wo wir standen. Dann betrachteten wir die herrlichen Dinge, die außerhalb der Stadt waren. Ich sah dort herrliche Häuser, die wie Silber aussahen, gestützt von vier, mit Perlen besetzten Säulen. Sie waren wundervoll anzusehen. Es waren die Wohnungen der Heiligen; in jeder befand sich ein goldenes Gesims. Ich sah einige von den Heiligen in die Häuser gehen, ihre Kronen abnehmen und sie auf das Gesims legen; dann gingen sie auf das Feld bei den Häusern und fingen dort an zu arbeiten. Sie arbeiteten aber nicht, wie wir auf der Erde hier arbeiten müssen, nein, nein! Ein herrliches Licht schien über den Häuptern aller, und beständig lobten und priesen sie Gott. FS 16.1

Ich sah auch ein anderes Feld mit allen Arten von Blumen, und als ich sie pflückte, rief ich aus: “Sie werden nicht mehr verwelken.” Wieder sah ich ein Feld mit hohem Gras, herrlich anzusehen; es war von frischem Grün, und als es stolz zur Ehre des Königs Jesus wogte, hatte es einen Schimmer wie Silber und Gold. Dann betraten wir ein Feld, wo alle Arten von Tieren waren, der Löwe, das Lamm, der Leopard, der Wolf, alle lebten vollkommen friedlich zusammen. Wir gingen mitten unter ihnen, und sie folgten uns friedlich nach. Nun gingen wir in einen Wald, nicht wie die dunklen Wälder, die wir hier haben, nein, nein, sondern hell und alles voller Glanz. Die Zweige der Bäume bewegten sich auf und ab, und wir riefen alle aus: “Wir werden sicher wohnen in der Wildnis und schlafen in den Wäldern”. Wir gingen durch die Wälder, denn wir befanden uns auf dem Wege zum Berg Zion. FS 16.2

Als wir weitergingen, trafen wir eine Gruppe, die auch die Herrlichkeit des Ortes betrachtete. Ich bemerkte einen roten Saum an ihren Gewändern, ihre Kronen strahlten und ihre Kleider waren rein weiß. Als wir sie grüßten, fragte ich Jesus, wer sie seien. Er sagte, daß es Märtyrer seien, die für ihn ihr Leben gelassen hätten. Bei ihnen befand sich eine unzählbare Schar Kinder, die ebenfalls einen roten Saum an ihren Kleidern hatten. Der Berg Zion lag jetzt gerade vor uns, und auf dem Berge war ein herrlicher Tempel; um ihn herum waren sieben andere Berge, auf denen Rosen und Lilien wuchsen. Und ich sah die Kleinen emporklimmen oder, wenn sie wollten, ihre kleinen Flügel gebrauchen und zu den Spitzen der Berge fliegen, wo sie die nie welkenden Blumen pflückten. Um den Tempel herum waren alle Arten von Bäumen, um den Platz zu verschönern: Buchsbäume, Fichten, Tannen, Ölbäume, Myrten und Granatäpfel. Die Feigenbäume neigten sich unter der Last der zahlreichen Feigen. Dies alles machte den Platz überaus schön. Als wir im Begriff waren, den Tempel zu betreten, erhob Jesus seine liebliche Stimme und sagte: “Nur die 144000 betreten diesen Ort”, und wir riefen: “Halleluja!” FS 17.1

Dieser Tempel wurde von sieben Pfeilern gestützt, alle von durchscheinendem Golde, mit köstlichen Perlen geschmückt. Ich kann die herrlichen Dinge, die ich dort sah, nicht beschreiben. O, könnte ich doch in der Sprache Kanaans reden, ich könnte dann ein wenig von der Herrlichkeit der besseren Welt erzählen! Ich sah dort Steintafeln, in welche die Namen der 144000 in goldenen Lettern eingraviert waren. Nachdem wir die Herrlichkeit des Tempels betrachtet hatten, traten wir heraus, und Jesus verließ uns und ging zur Stadt. Bald hörten wir seine anmutige Stimme wieder, die sagte: “Kommt, mein Volk, ihr seid gekommen aus großer Trübsal, habt meinen Willen getan, habt für mich gelitten. Kommt zum Abendmahl, und ich will mich gürten und euch dienen.” Wir riefen wieder: “Halleluja, Herrlichkeit!” und traten in die Stadt ein. Dort sah ich einen Tisch von reinem Silber, viele Meilen lang, aber unsere Augen konnten ihn doch überblicken. Ich sah dort die Frucht vom Baum des Lebens, Manna, Mandeln, Feigen, Granatäpfel, Weintrauben und viele andere Arten von Früchten. Ich bat Jesus, mich von der Frucht essen zu lassen, doch er sagte: “Noch nicht. Wer von den Früchten dieses Landes genießt, geht nicht mehr auf die Erde zurück. Aber wenn du treu bist, sollst du bald vom Lebensbaum essen und vom Wasser des Lebens trinken. Und nun”, sagte er, “mußt du wieder auf die Erde zurückkehren und den anderen erzählen, was ich dir offenbart habe.” Dann trug mich ein Engel sanft herab in diese dunkle Welt. Manchmal ist es mir, als könnte ich nicht länger hier bleiben, denn alle Dinge dieser Erde sehen so traurig aus. Ich fühle mich hier sehr einsam, denn ich habe ein besseres Land gesehen. O, daß ich Flügel hätte, gleich einer Taube, um hinwegzufliegen und zur Ruhe einzugehen! FS 17.2

Als ich aus der Vision erwachte, schien mir alles verändert, ein düsterer Schleier war über alles gebreitet, was ich ansah. O, wie dunkel erschien mir diese Welt! Ich weinte, als ich mich wieder hier fand, und hatte Heimweh. Ich hatte eine bessere Welt gesehen, und sie hatte mir diese Erde verleidet. Ich erzählte diese Vision in unserer kleinen Versammlung in Portland, und alle glaubten, daß es von Gott sei. Es war ein machtvoller Augenblick, der Ernst der Ewigkeit ruhte auf uns. Etwa eine Woche später gab mir der Herr eine andere Vision. Er zeigte mir die Schwierigkeiten, die ich durchzumachen habe, und daß ich zu den andern gehen und ihnen erzählen müsse, was er mir offenbart habe. Der Herr zeigte mir aber auch, daß ich mit großem Widerstand zu kämpfen hätte und Geistesqualen leiden würde. “Aber”, sagte der Engel, “die Gnade Gottes wird dir genügen, er wird dich aufrechterhalten.” FS 18.1

Als ich aus dieser Vision erwachte, war ich sehr bekümmert. Meine Gesundheit war sehr schwach, und ich war erst siebzehn Jahre alt. Ich wußte, daß manche durch Überheblichkeit gefallen waren. Ich wußte auch, wenn ich mich nur in irgendeiner Weise überheben würde, daß Gott mich verlassen und ich sicher verloren sein würde. Ich ging im Gebet zum Herrn und bat ihn, die Last auf einen anderen zu legen. Es schien mir, daß ich sie nicht ertragen konnte. Ich lag lange Zeit auf meinem Angesicht, doch alles Licht, daß ich erlangen konnte, war: “Mache die andern mit dem bekannt, was ich dir offenbart habe.” FS 19.1

In meiner nächsten Vision bat ich den Herrn ernstlich, daß, wenn ich gehen und erzählen müsse, was er mir gezeigt habe, er mich vor Überheblichkeit bewahren möge. Daraufhin zeigte er mir, daß mein Gebet erhört sei. Wenn ich in Gefahr sei, überheblich zu werden, würde seine Hand auf mir liegen und ich mit Krankheit geplagt werden. Der Engel sagte zu mir: “Wenn du die Botschaften gewissenhaft ausrichtest und beharrst bis ans Ende, dann sollst du die Frucht vom Baum des Lebens essen und das Wasser vom Strom des Lebens trinken.” FS 19.2

Bald wurde überall verbreitet, daß die Visionen durch Mesmerismus (Hypnose)1 entstanden seien, und viele Adventisten glaubten bereitwillig solche Gerüchte und verbreiteten sie auch. Ein Arzt, ein berühmter Hypnotiseur, sagte mir, daß meine Visionen durch Mesmerismus (Hypnose) entstünden, daß ich leicht zu hypnotisieren sei und er mich hypnotisieren und mir Visionen geben könne. Ich sagte ihm, daß der Herr mir in Visionen gezeigt habe, daß Mesmerismus vom Bösen sei, aus der grundlosen Tiefe, und daß er bald mit allen, die sich damit abgeben, auch in die Tiefe fahren würde. Dann gab ich ihm die Erlaubnis, mich zu hypnotisieren, wenn er es könne. Er versuchte es über eine halbe Stunde auf verschiedene Weise; dann gab er es auf. Durch den Glauben an Gott war ich imstande, seinem Einfluß zu widerstehen, so daß es mir nicht im geringsten schadete. FS 19.3

Wenn ich in Versammlungen eine Vision hatte, so sagten manche, daß es nur Aufregung und ich von jemandem hypnotisiert worden sei. Dann ging ich allein in den Wald, wo niemand außer Gott mich sehen und hören konnte, und betete zu ihm, und er gab mir dort manchmal eine Vision. Dann freute ich mich und erzählte, was Gott mir offenbart hatte, während kein menschliches Wesen mich beeinflussen konnte. Aber dann sagten einige, daß ich mich selbst hypnotisiere. O, dachte ich, ist es schon so weit gekommen, daß jene, die mit aufrichtigem Herzen allein zu dem Herrn kommen, um sich auf seine Verheißungen zu berufen und seine Erlösung zu beanspruchen, beschuldigt werden, unter dem verderblichen und seelenverdammenden Einfluß des Mesmerismus zu stehen? Bitten wir unseren gütigen, himmlischen Vater um Brot, um einen Stein oder Skorpion dafür zu erhalten? Diese Vorfälle verwundeten meinen Geist und erfüllten meine Seele mit einer Qual, die an Verzweiflung grenzte. Viele wollten mich glauben machen, daß es keinen Heiligen Geist gäbe und daß alle Erfahrungen, die heilige Männer Gottes gemacht haben, nur Auswirkungen des Mesmerismus oder Täuschungen Satans gewesen seien. FS 20.1

Zu dieser Zeit herrschte in Maine ein Zustand von Fanatismus. Manche enthielten sich gänzlich der Arbeit und schlossen alle jene aus der Gemeinschaft der Gläubigen aus, die ihre Ansichten in diesem und in einigen anderen Punkten, die sie für religiös verpflichtend hielten, nicht teilten. Gott offenbarte mir diese Irrtümer in einer Vision und sandte mich hin, seine irrenden Kinder zu belehren. Viele von ihnen verwarfen die Botschaft gänzlich und sagten, daß ich mich der Welt anpasse. Auf der anderen Seite beschuldigten mich die Namens-adventisten des Fanatismus, und ich wurde fälschlich als Führerin des Fanatismus bezeichnet, den ich eigentlich beseitigen wollte. Verschiedentlich war die Zeit für das Kommen des Herrn festgesetzt und den Brüdern aufgedrängt worden. Der Herr aber zeigte mir, daß diese festgesetzte Zeit vorübergehen würde, denn vor seinem Kommen müsse die große Trübsal kommen, und jede Zeit, die festgesetzt und verstreichen würde, nur den Glauben des Volkes Gottes schwäche. Dafür wieder wurde ich beschuldigt, der böse Knecht zu sein, der in seinem Herzen spricht: “Mein Herr kommt noch lange nicht.” FS 20.2

All diese Dinge lasteten schwer auf meinem Gemüt, und in der Verwirrung war ich manchmal versucht, meine eigene Erfahrung zu bezweifeln. Eines Morgens während der Familienandacht kam die Kraft Gottes über mich. Da kam mir der Gedanke, daß es Mesmerismus sei, und ich widersetzte mich. Augenblicklich war ich völlig stumm, und einige Augenblicke war ich unempfänglich für alles um mich herum. Ich sah dann, daß ich durch meinen Zweifel an der Macht Gottes gesündigt hatte und dafür stumm geworden war, daß aber meine Zunge wieder gelöst würde, ehe vierundzwanzig Stunden vergangen seien. Eine Karte wurde mir vorgehalten, auf welcher in goldenen Buchstaben die Kapitel und Verse von fünfzig Bibeltexten verzeichnet standen.1 Als ich aus der Vision kam, bat ich durch Zeichen um eine Tafel; darauf schrieb ich, daß ich stumm sei und was ich gesehen habe und daß ich die große Bibel haben möchte. Ich nahm die Bibel und schlug sogleich all die Texte auf, die ich auf der Karte gesehen hatte. Ich war nicht imstande, tagsüber ein Wort zu sprechen. Früh am nächsten Morgen war meine Seele mit Freude erfüllt und meine Zunge zum lauten Lobe Gottes gelöst. Nach dem wagte ich nicht mehr zu zweifeln oder der Kraft Gottes auch nur einen Augenblick zu widerstehen, was immer auch andere von mir denken würden. FS 21.1

Im Jahre 1846, während wir in Fairhaven, Mass., waren, fuhren meine Schwester (die mich zu jener Zeit gewöhnlich begleitete), Schwester A., Bruder G. und ich in einem Segelboot, um eine Familie in West’s Island zu besuchen. Es war fast dunkel, als wir abfuhren. Wir hatten erst eine kurze Strecke zurückgelegt, als sich ein Sturm erhob. Es donnerte und blitzte, und der Regen goß in Strömen auf uns herab. Es schien sicher, daß wir ohne die Hilfe Gottes verloren seien. FS 22.1

Ich kniete in dem Boot nieder und rief zu Gott um Errettung. Und hier, auf den tosenden Wellen, während das Wasser über den Rand des Bootes hinweg auf uns schlug, hatte ich eine Vision. Ich sah, daß eher jeder Tropfen Wasser im Ozean vertrocknen würde, als daß wir umkämen, denn mein Werk habe gerade erst begonnen. Als ich aus der Vision kam, war alle meine Furcht verschwunden, und unser kleines Boot war für uns ein schwimmendes Bethel. Der Herausgeber des “Advent Herald” hatte gesagt, daß meine Visionen dafür bekannt seien, durch Mesmerismus bewirkt zu sein. Aber ich frage: “Wo war zu solch einer Zeit Gelegenheit für hypnotisches Wirken?” Br. G. hatte mehr als genug mit der Leitung des Bootes zu tun. Er versuchte zu ankern, aber der Anker hielt nicht. Unser kleines Boot wurde auf den Wellen hin und her geschleudert und vom Winde getrieben; dabei war es so dunkel, daß wir nicht von einem Ende des Bootes bis zum anderen sehen konnten. Bald darauf faßte der Anker, und Bruder G. rief um Hilfe. Es waren bloß zwei Häuser auf der Insel, und es schien, daß wir einem von ihnen nahe waren, aber es war nicht das, wohin wir gehen wollten. Die ganze Familie war schon zur Ruhe gegangen, außer einem kleinen Kind, das den Ruf um Hilfe auf dem Wasser gehört hatte. Sein Vater kam bald und und brachte uns in einem kleinen Boot ans Ufer. Den größten Teil der Nacht verbrachten wir mit Danksagung an Gott für seine wunderbare Güte. FS 22.2