In den Fußspuren des großen Arztes

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Kapitel 14: Samariterdienst an den Reichen

“Dass sie nicht hoffen auf den ungewissen Reichtum.”

Kornelius, der römische Hauptmann, war ein reicher Mann und von edler Abkunft. Er nahm eine Vertrauens- und Ehrenstelle ein. Ein Heide von Geburt und Erziehung hatte er doch durch die Berührung mit den Juden eine Erkenntnis des wahren Gottes erlangt und diente demselben. Er bewies die Aufrichtigkeit seines Glaubens durch Mitleid mit den Armen, er “gab dem Volk viel Almosen und betete immer zu Gott.” Apostelgeschichte 10,2. FA 213.1

Kornelius hatte keine Erkenntnis von dem Evangelium, wie es in dem Leben und Tod Christi offenbart war, deshalb sandte ihm Gott eine direkte Botschaft vom Himmel und wies durch eine andere Botschaft den Apostel Petrus an, ihn zu besuchen und zu belehren. Kornelius war kein Glied der jüdischen Kirche, und die Schriftgelehrten hätten ihn als Heiden und unrein betrachtet. Aber Gott kannte die Aufrichtigkeit seines Herzens und sandte Boten von seinem Thron, sich mit seinen Dienern auf Erden zu vereinen, um diesen römischen Hauptmann in dem Evangelium zu unterrichten. FA 213.2

So sucht auch Gott heute noch nach Seelen, sowohl unter den Hohen als unter den Geringen. Es gibt viele gleich Kornelius, viele Männer, die er gern mit seiner Gemeinde verbinden möchte. Sie stehen auf der Seite des Volkes Gottes, aber die Bande, welche sie an die Welt fesseln, halten sie fest. Es erfordert für diese Männer moralischen Mut, ihre Stellung mit den Geringen einzunehmen. Besondere Anstrengungen sollten für diese Seelen gemacht werden, die infolge ihrer Verantwortlichkeiten und Verbindungen in großer Gefahr sind. FA 213.3

Es wird viel über unsere Pflicht gegen die vernachlässigten Armen gesprochen; sollte nicht auch den vernachlässigten Reichen etwas Aufmerksamkeit geschenkt werden? Viele betrachten diese Klasse als hoffnungslos und tun wenig, um solchen die Augen zu öffnen, die durch den Glanz irdischer Herrlichkeit geblendet, die Ewigkeit aus ihrer Rechnung verloren haben. Tausende der Reichen sind ungewarnt ins Grab gegangen. Wenn sie auch gleichgültig erscheinen mögen, so sind doch viele unter denselben besorgt um ihre Seele. “Wer Geld liebt, wird Geldes nimmer satt, und wer Reichtum liebt, wird keinen Nutzen davon haben.” Prediger 5,9. “Habe ich das Gold zu meiner Zuversicht gemacht, ... dann hätte ich damit verleugnet Gott in der Höhe.” Hiob 31,24.28. “Keineswegs vermag jemand seinen Bruder zu erlösen, nicht kann er Gott sein Lösegeld geben, denn kostbar ist die Erlösung ihrer Seele, und er muß davon abstehen auf ewig.” Psalm 49,7.8 (EB). FA 214.1

Reichtümer und weltliche Ehre können die Seele nicht befriedigen. Viele unter den Reichen verlangen nach einer göttlichen Verheißung, nach einer geistigen Hoffnung. Viele sehnen sich nach etwas, das die Eintönigkeit ihres zwecklosen Lebens zu Ende bringen würde. Viele in amtlicher Stellung fühlen ihr Bedürfnis nach etwas, das sie nicht haben. Wenige von ihnen gehen zur Kirche, denn sie fühlen, daß sie wenig Segen daselbst erlangen. Die Lehren, die sie dort vernehmen, berühren nicht das Herz. Sollen wir keine persönliche Anstrengung für sie machen? FA 214.2

Unter den Opfern des Elendes und der Sünde findet man solche, die einst reich waren. Männer von verschiedenem Beruf und verschiedener Lebensstellung sind durch die Befleckung der Welt, durch starke Getränke, durch die Befriedigung ihrer Lüste überwunden worden und in der Versuchung gefallen. Während diese Gefallenen Mitleid und Hilfe erfordern, sollte nicht auch etwas Aufmerksamkeit denjenigen geschenkt werden, die noch nicht zu solchen Tiefen herabgestiegen sind, die aber ihre Füße auf denselben Pfad setzen? FA 214.3

Tausende, die Vertrauens- und Ehrenstellen einnehmen, frönen Gewohnheiten, die Ruin für Leib und Seele bedeuten. Prediger des Evangeliums, Staatsmänner, Schriftsteller, Männer von Reichtum und Talenten, tüchtige Geschäftsleute, die Nützliches wirken könnten, befinden sich in tödlicher Gefahr, weil sie nicht die Notwendigkeit der Selbstbeherrschung in allen Dingen erkennen. Ihre Aufmerksamkeit muß auf die Grundsätze wahrer Mäßigkeit gelenkt werden, nicht in einer engherzigen und herrschsüchtigen Weise, sondern in dem Licht der großen Absicht Gottes für die Menschheit. Könnten die Grundsätze wahrer Mäßigkeit ihnen auf diese Weise vorgeführt werden, so gäbe es in den höheren Klassen viele, die ihren Wert erkennen und dieselben von Herzen annehmen würden. FA 215.1

Wir sollten diesen Personen die Folge schädlicher Befriedigungen klarmachen, die sich in Verminderung geistiger, körperlicher und moralischer Kraft zeigt. Helft ihnen, ihre Verantwortlichkeit als Haushalter der verschiedenen Gaben Gottes zu erkennen, zeigt ihnen, wieviel Gutes sie mit dem Geld tun könnten, welches sie nun für Dinge ausgeben, die ihnen nur schädlich sind. Legt ihnen das Enthaltsamkeitsgelübde vor und bittet sie, das Geld, welches sie haben, zum Besten armer Kranker, für die Erziehung von Kindern und jungen Leuten, zum Besten der Welt anzuwenden. Nicht viele würden einer solchen Bitte ihr Ohr verschließen. FA 215.2

Hier ist eine andere Gefahr, welcher die Reichen besonders ausgesetzt sind und hier ist ebenfalls ein Feld für den ärztlichen Samariter. Unzählige, denen es in der Welt gut geht und die sich niemals den gewöhnlichen Arten des Lasters hingeben, werden doch durch die Liebe zum Reichtum ins Verderben gestürzt. Der Becher, der am schwierigsten zu tragen ist, ist nicht der leere, sondern der bis an den Rand gefüllte. Er muß am sorgfältigsten im Gleichgewicht gehalten werden. Trübsal und Widerwärtigkeit bringen Entmutigung und Kummer; aber Reichtum ist für das geistige Leben am gefährlichsten. FA 215.3

Solche, die Unglücksschläge erleiden, werden durch den Busch dargestellt, den Moses in der Wüste sah, welcher nicht verzehrt wurde, obgleich er brannte. Der Engel des Herrn war inmitten des Busches. So ist bei Verlusten und Anfechtungen die Herrlichkeit der Gegenwart des Unsichtbaren mit uns, um uns zu trösten und zu helfen. Oft werden Gebete für solche dargebracht, die von Krankheit oder Unfall leiden; aber die Menschen, denen Besitz und Einfluß anvertraut ist, haben unsere Gebete am nötigsten. FA 215.4

In dem Tal der Demut, wo die Menschen ihr Bedürfnis fühlen und sich auf Gott verlassen, damit er ihre Schritte leite, ist verhältnismäßige Sicherheit. Aber die Männer, welche sozusagen auf einer hohen Zinne stehen und von denen man um ihrer Stellung willen annimmt, daß sie große Weisheit besitzen, sind in größter Gefahr. Es sei denn, daß sie ihr Vertrauen auf Gott setzen, so werden sie sicher fallen. FA 216.1

Die Bibel verdammt keinen Menschen, weil er reich ist, wenn er seine Reichtümer ehrlich erworben hat. Nicht das Geld, sondern die Liebe zum Geld ist die Wurzel alles Übels. Gott gibt den Menschen die Kraft, Reichtum zu erwerben und in den Händen dessen, der als Haushalter Gottes handelt und seine Mittel in selbstloser Weise verwendet, ist Reichtum ein Segen sowohl für seinen Besitzer wie für die Welt. Aber viele, die ganz in ihrem Interesse für weltliche Schätze aufgehen, werden unempfindlich gegen die Forderungen Gottes und die Bedürfnisse ihrer Mitmenschen. Sie sehen ihren Reichtum als ein Mittel zur Selbstverherrlichung an. Sie fügen ein Haus zum anderen und einen Acker zum anderen; sie füllen ihre Häuser mit Luxus, während um sie herum sich menschliche Wesen in Elend und Verbrechen, in Krankheit und Tod befinden. Solche, die nur dem eigenen Ich leben, entwickeln in sich nicht die Eigenschaften Gottes, sondern die Eigenschaften des Bösen. FA 216.2

Diese Menschen bedürfen des Evangeliums, ihre Augen müssen von der Vergänglichkeit irdischer Dinge abgewandt werden, um die Herrlichkeit der unvergänglichen Schätze zu schauen. Sie müssen die Freude des Gebens lernen, den Segen Mitarbeiter Gottes zu sein. FA 216.3

Der Herr sagt uns: “Den Reichen von dieser Welt gebiete, daß sie nicht stolz seien, auch nicht hoffen auf den ungewissen Reichtum, sondern auf den lebendigen Gott, der uns dargibt reichlich allerlei zu genießen; daß sie Gutes tun, reich werden an guten Werken, gerne geben, behilflich seien, Schätze sammeln, ihnen selbst einen guten Grund auf’s Zukünftige, daß sie ergreifen das wahre Leben.” 1.Timotheus 6,17-19. FA 216.4

Reiche, weltliebende, der Welt dienende Seelen können nicht zu Christo gezogen werden, indem man sie zufällig, gelegentlich darauf verweist. Diese Personen sind oft am schwierigsten zu gewinnen. Es müssen persönliche Anstrengungen für sie gemacht werden von Männern und Frauen, die mit dem Missionsgeist erfüllt sind, die nicht zagen oder entmutigt sind. FA 217.1

Manche sind besonders geeignet für die höheren Klassen zu arbeiten. Solche sollten Weisheit von Gott erbitten, um zu verstehen, wie man diese Leute erreichen kann, wie man nicht nur ihre zufällige Bekanntschaft macht, sondern sie durch persönliche Bemühungen und lebendigen Glauben zu einer Erkenntnis der Bedürfnisse der Seele erweckt und ihnen die Wahrheit zeigt, wie sie in Jesus ist. FA 217.2

Viele wähnen, daß man eine Lebensweise und Arbeitsmethode anwenden müsse, die ihrem schwer zu befriedigenden Geschmack angepaßt sei, um die höheren Klassen zu erreichen. Scheinbarer Reichtum, feine Gebäude, kostspielige Kleidung, Ausrüstung und Umgebungen, Anpassung an weltliche Sitten, der künstliche Schliff der vornehmen Gesellschaft, klassische Bildung, die Kunst der Rede werden als wesentlich erachtet. Dies ist ein Irrtum. Der Weg weltlicher Klugheit ist nicht Gottes Weg, um die höheren Klassen zu erreichen. Das was Erfolg haben wird, ist eine ständige, harmonische selbstlose Darstellung des Evangeliums Christi. FA 217.3

Die Erfahrung des Apostels Paulus, wie er den Weisen von Athen entgegentrat, enthält eine Lehre für uns. Als er vor dem Gerichtshof in Athen das Evangelium verkündigte, trat Paulus der Logik mit Logik entgegen, der Wissenschaft mit Wissenschaft, der Weltweisheit mit Weltweisheit. Die Klügsten seiner Zuhörer waren erstaunt und zum Schweigen gebracht; seine Worte konnten nicht widerlegt werden. Aber seine Bemühung fruchtete wenig, nur etliche nahmen das Evangelium an. Künftighin nahm Paulus eine andere Arbeitsweise an. Er vermied fein ausgearbeitete Beweisführungen und theoretische Streitfragen und verwies die Menschen in aller Einfachheit auf Christum als den Heiland der Sünder. Indem er den Korinthern von seiner Arbeit unter ihnen schreibt, sagt er: “Und ich, liebe Brüder, da ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten oder hoher Weisheit, euch zu verkündigen die göttliche Predigt. Denn ich hielt mich nicht dafür, daß ich etwas wüßte unter euch, ohne allein Jesum Christum, den Gekreuzigten. Und mein Wort und meine Predigt war nicht in vernünftigen Reden menschlicher Weisheit, sondern Beweisung des Geistes und der Kraft, auf daß euer Glaube bestehe nicht auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.” 1.Korinther 2,1-5. FA 217.4

Ferner sagt er in seinem Brief an die Römer: “Denn ich schäme mich des Evangeliums von Christo nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben, die Juden vornehmlich und auch die Griechen.” Römer 1,16. FA 218.1

Solche, die für die höheren Klassen arbeiten, sollten wahre Würde besitzen und daran gedenken, daß Engel ihre Gefährten sind. Das Schatzhaus ihres Herzens und Geistes sollte gefüllt sein mit: “Es steht geschrieben.” In den Hallen Ihres Gedächtnisses sollten die köstlichen Worte Christi aufbewahrt sein. Diese sind höher zu achten als Silber und Gold. FA 218.2

Christus hat gesagt, daß es leichter sei für ein Kamel durch ein Nadelöhr zu gehen als für einen Reichen, in das Reich Gottes zu kommen. Bei der Arbeit für diese Klassen wird es viel Entmutigung geben und viele schmerzliche Offenbarungen gemacht werden. Aber bei Gott sind alle Dinge möglich. Er kann und will durch menschliche Werkzeuge auf die Gemüter der Menschen einwirken, deren Leben nur dem Gelderwerb gewidmet war. FA 219.1

Es sollen Wunder in wahrer Bekehrung gewirkt werden, Wunder, die wir jetzt noch nicht erkennen. Die größten Männer der Erde stehen nicht über der Macht eines wunderwirkenden Gottes. Wenn solche, die seine Mitarbeiter sind, mutig und treu ihre Pflicht tun, wird Gott Männer bekehren, die verantwortliche Stellungen einnehmen, kluge und einflußreiche Männer. Durch die Macht des heiligen Geistes werden viele dahin gebracht werden, die göttlichen Grundsätze anzunehmen. FA 219.2

Wenn es ihnen klargemacht wird, daß der Herr von ihnen als seinen Stellvertretern erwartet, der leidenden Menschheit zu helfen, so werden viele dazu bereit sein und den Armen von ihren Mitteln und ihrer Teilnahme zukommen lassen. Wenn ihre Gedanken von ihren eigenen selbstsüchtigen Interessen abgezogen werden, werden viele sich Christo unterwerfen. Sie werden sich mit ihrem Einfluß und ihren Mitteln freudig in dem Werk der Wohltätigkeit mit dem demütigen Missionar vereinigen, der Gottes Werkzeug zu ihrer Bekehrung war. Durch rechten Gebrauch ihrer irdischen Schätze werden sie sich einen Schatz im Himmel sammeln “da kein Dieb zukommt und den keine Motten fressen.” FA 220.1

Viele werden, wenn sie zu Christo bekehrt sind, Werkzeuge in der Hand Gottes, um für andere ihrer eigenen Klasse zu arbeiten. Sie werden fühlen, daß ihnen eine Verkündigung des Evangeliums für diejenigen übertragen ist, die diese Welt zu ihrem ein und alles gemacht haben. Zeit und Geld wird Gott geweiht, Talente und Einfluß werden dem Werk der Seelengewinnung gewidmet werden. Erst die Ewigkeit wird es offenbaren, was durch diese Art des Dienstes vollbracht wird, wie viele Seelen, von Zweifeln geplagt, der Welt und ihrer Unruhe müde, zu dem großen Wiederhersteller gebracht werden, welcher immerdar retten will alle, die zu ihm kommen. Christus ist ein auferstandener Heiland und Heil ist unter seinen Flügeln. FA 220.2